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Peter von Becker
Kern des Zusammenhalts

Kultur In das Fundament unserer Gesellschaft zu investieren, ist keine gönnerhafte Subvention

Kultur für alle" - kein anderer kulturpolitischer Slogan war in der alten Bundesrepublik so populär, umstritten und viel zitiert wie dieses Motto des Frankfurter Kulturdezernenten und späteren Goethe-Instituts-Präsidenten Hilmar Hoffmann. Es war die Verheißung eines demokratisch offenen, multikulturellen Paradiesgartens. Damit einher ging auch eine von der 68er-Generation beförderte Ausweitung des Politisch-Kulturellen in nahezu alle privaten und sozialen Sphären: über Parlamente, Parteien und die traditionellen Institutionen der Hochkultur hinaus. Und wo schon nicht Kultur für alle im Alltag möglich war, so war doch fast alles Kultur. Wenigstens Alltagskultur.

Dieser erweiterte Kulturbegriff, der die Warenwelt genauso wie die Gentechnik, Finanzskandale, den Klimawandel oder ästhetische und gesellschaftliche Phänomene des Sports mit einbezieht, gilt heute wie selbstverständlich auch für die großen ("politischen") Feuilletons oder die Kulturmagazine des Fernsehens. Die Grundierung haben dazu Großstadtphilosophen und Pop-Künstler geliefert, vom wiederentdeckten Walter Benjamin bis zu Roland Barthes und Umberto Eco, von Andy Warhol bis Joseph Beuys, der auch jeden Menschen zum Künstler und fast alle Welt zum Kunstwerk erklären wollte.

Diese anti-elitäre Geistesströmung verbindet sich bisweilen mit der Erneuerung älterer bildungsbürgerlicher Vorstellungen, die wieder Wertedebatten oder religiöse Fragen an eine säkulare Gesellschaft anregen. Und mehr als nur Spurenelemente eines eigenständigen Restbildungsbürgertums gab es in der untergegangenen DDR. Das scheint plötzlich auf in einem Roman wie Uwe Tellkamps Dresden-Saga "Der Turm"; und es spielte eine Rolle im deutschen Einigungsvertrag: als Verpflichtung, die "kulturelle Substanz" in den neuen Bundesländern zu erhalten. So spiegelt die Rettung der historischen Innenstädte zwischen Wismar und Weimar, Schwerin und Görlitz die wohl sichtbarste Erfolgsgeschichte der Wiedervereinigung.

Menetekel der Sparpolitik

Zum Preis der deutschen Einheit gehören freilich auch immer wieder Debatten über Einsparungen. Dass die öffentlichen Hände bei größeren Budgetproblemen gerne auch den Kultur- und Bildungsinstitutionen an die Gurgel gehen, ist an sich nichts Neues. Das gab's unter Stöhnen und Würgen schon in der alten Wohlstandsbundesrepublik, spätestens seit der Wirtschaftskrise in den 1980er Jahren. Doch spektakulär wurde 1993 - als Kultur-Opfer der deutschen Einheit - erst die Über-Nacht-Schließung des Berliner Schillertheaters. Es war das Menetekel einer panischen Sparpolitik, das danach wie ein kulturpolitischer Schutzschild für die im Ganzen doch bewahrte oder gar weiterentwickelte deutsche Szene fungierte.

Droht dieser Schild nun in der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise zu zerbrechen? Gerade hat der Deutsche Städtetag die immense Geldnot der kommunalen Haushalte beschworen. Im vergangenen Jahr sind die Steuereinnahmen der Gemeinden um mehr als 10 Prozent eingebrochen, gleichzeitig explodieren die Kosten der Sozialleistungen, und das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" der schwarz-gelben Bundesregierung droht als erstes die Überschuldung der Städte zu beschleunigen. Vom armen Wuppertal bis zum reichen Stuttgart sollen neben allen anderen Etats auch die Kulturausgaben um bis zu zweistellige Prozentzahlen gekürzt und notfalls Kultureinrichtungen geschlossen werden. So könnte demnächst das Wuppertaler Schauspielhaus zum neuen Menetekel werden.

Gleichzeitig aber hat das Bundesland Berlin - dessen einzige Wachstumsfaktoren Tourismus, Kultur (bis hin zur Kreativwirtschaft) sowie Bildung und Forschung sind - seinen Kulturetat für 2010 von 364,5 auf 376 Millionen Euro gesteigert. Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) ist stolz auf 17 Millionen mehr in seinem Etat, damit sind seit 2005 die Aufwendungen des Bundes für Kultur um rund 10 Prozent auf 1, 2 Milliarden Euro gestiegen. Insgesamt fördern Deutschlands Länder, Gemeinden und der Bund Museen, Theater, Opern, Orchester, Festivals, Bibliotheken und zahllose Einzelinitiativen noch immer mit jährlich gut 8 Milliarden Euro. Trotzdem machen die staatlichen und städtischen Kulturausgaben kaum 1 Prozent aller öffentlichen Haushalte aus.

Um diese Summen und das einzigartige Netz öffentlicher Kultureinrichtungen wird Deutschland weltweit beneidet. Also könnte man sagen, wer hier über gewisse Kürzungen klagt, der klagt auf höchstem Niveau. Eben des Niveaus wegen ließe sich allerdings auch sagen: Wer hier klagt, der verteidigt seine Vorzüge - und eine Notwendigkeit.

Neue Krisen - neue Einsichten

Mit neuen Krisen und Konflikten sind nämlich neue Einsichten gewachsen. Spätestens seit dem 11. September 2001 und seit den jüngsten finanzökonomischen Erfahrungen ist klar: Globalisierung bedeutet auch, dass die vermeintlich so hochgerüsteten westlichen Wohlstandsgesellschaften durch soziale, wirtschaftliche, militärische oder religiös-kulturelle Erschütterungen heute leichter verwundbar sind. Und aus vielerlei Gründen wird sich die Migration von Menschen und Konflikten global noch weiter verstärken. Das birgt neben Problemen natürlich die Chancen der gegenseitigen Bereicherung. Doch zugleich können gewachsene Bindungen und Werte erodieren, ökonomische und soziale Ungleichheit zunehmen; mit immer neuen äußeren Anforderungen und zivilisatorischen Umbrüchen wächst auch die individuelle Verunsicherung, wird eine übergreifende Sinn- und Identitätsstiftung schwerer. Zudem schafft die strukturelle Erwerbsarbeitslosigkeit in den postindustriellen Gesellschaften nicht nur immer mehr "Freizeit", sie öffnet ohne andere Sinnerfüllung auch ein soziales Vakuum.

In dieser Lage ist Kultur kein dekorativer "Luxus". Verstehen wir Kultur als Inbegriff der zivilisatorischen Ordnung und Selbstverständigung einer Gesellschaft, als Summe ihrer künstlerischen, philosophischen, wissenschaftlichen, emotionalen Erfahrungen und Erfindungen, dann bedeutet Kultur über den Moment verdichteter Existenz hinaus auch das Ferment und Fundament gemeinsamer Identität. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Kultur ist das, was uns im Innersten zusammenhält.

Dies ist im politischen Raum das entscheidende Argument, den Kultur-Staat auch in Zeiten finanzieller Nöte als öffentliche Aufgabe zu verteidigen. Nicht als gönnerhafte "Subvention", sondern als elementare Investition. Denn der Gegensatz von Kultur heißt: Barbarei. Erst sekundär, wenngleich wichtig, sind dann die ökonomischen Aspekte des Kulturbereichs, dessen materielle Wertschöpfung in Deutschland schon fast die der Chemiebranche erreicht.

Kultur meint in offenen Gesellschaften auch die Summe unterschiedlicher Kulturen. Das schließt den Dialog und den Konflikt, den "clash of civilizations", mit ein. Ist Kultur aber auch der Gegensatz von Barbarei, dann muss in ihr das letztlich Verbindliche die Werteordnung der Verfassung sein. Also das Erbe der Aufklärung, die Geltung universeller Menschenrechte, der demokratisch-säkulare Rechtsstaat. Das muss als "Staatsziel" freilich nicht eigens ins Grundgesetz. Auch der neue Artikel 20a des Grundgesetzes, der "die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere" von Staats wegen schützen soll, hat nur deklaratorische Bedeutung; er verhilft keiner Henne in der Legebatterie zu einem würdigeren Leben. Kultur ist zudem kein Ziel, sondern ein (dynamischer) Zustand. Und die Verfassung als oberste Grundwehr gegen die Barbarei setzt Kultur als Essenz ihrer freiheitlichen Ordnung bereits voraus. Das gilt, mit den Worten des Historikers Jacques Le Goff, auch für die "Einheit in Vielheit" Europas. Hier beginnen in den Zeiten der globalen Wirtschaftskrise die aktuellen Herausforderungen der nationalen und internationalen Kulturpolitik.

Peter von Becker ist Kulturautor beim "Tagesspiegel" in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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