Inhalt

Claudia Heine
Für einen besseren Einblick

Medienpreis Drei Siegerbeiträge und eine Diskussion über die Rolle des Parlaments im Politikbetrieb

War es wirklich "Supermuttis grandiose Familienshow"? Oder trübt sich die Bilanz Ursula von der Leyens (CDU) als Familienministerin der Großen Koalition letztendlich doch etwas ein? War Guido Westerwelle, damals noch FDP-Oppositionsführer, überzeugend mit seiner Kritik, die Steuersenkungspläne von Schwarz-Rot machten lediglich "eine Currywurst mit Majo ohne Pommes" im Monat aus? Die Antworten überlassen die Macher der "Berlin-Bilanz", einer aufwändigen Multimedia-Animation von ZDFonline und der Hauptstadtredaktion des Senders, ihren Nutzern. In ihrem Online-Modul haben die Redakteure Malte Borowiak, Eckart Gaddum und Nick Leifert die vier Regierungsjahre der Großen Koalition beleuchtet und untersucht, welche Ereignisse und Köpfe diese Politikphase geprägt haben. In mehr als 80 Filmbeiträgen können die Nutzer Porträts der Spitzenpolitiker anschauen, Schlüsselmomente der Regierung Revue passieren lassen oder sich beim Zitate-Check fragen, was versprochen und was gebrochen wurde.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Am 24. Februar erhielten die drei ZDF-Journalisten den "Medienpreis Politik". Mit dieser Auszeichnung prämiert der Bundestag jährlich "hervorragende publizistische Arbeiten, die zu einem vertieften Verständnis parlamentarischer Praxis beitragen". Doch genau diese Vorgabe sorgte in diesem Jahr für ein "besonderes Ergebnis", wie es der Juryvorsitzende und designierte ZDF-Chefredakteur Peter Frey bei der Preisverleihung im Museum für Kommunikation in Berlin formulierte: Denn das ZDF blieb nicht allein auf dem Siegertreppchen. Gleichrangig vergab die Jury, der unter anderem Tissy Bruns ("Tagesspiegel"), Ulrich Deppendorf (ARD-Hauptstadtstudio) und Thomas Kröter ("Frankfurter Rundschau") angehören, den Medienpreis an alle drei dafür nominierten Beiträge. Und so gewannen auch das Ressort Politische Nachrichten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit der Wahlkreis-Serie "Deutschland - ein Puzzle" und der ARD-Redakteur Stephan Lamby mit seiner Reportage "Retter in Not - wie Politiker die Krise bändigen wollen".

Dissens offengelegt

Noch nicht lange ist es her, da stellte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der konstituierenden Sitzung des 17. Bundestages fest: "Die Parlamente, ihre Arbeit und ihre öffentliche Wirkung sind nicht immer so gut, wie sie sein könnten und sein sollten." Manchmal jedoch gibt es noch nicht einmal eine "gute" oder "schlechte" Wirkung. Manchmal wird diese gleich völlig ignoriert. Dies zumindest kritisierte Lammert an der ARD-Reportage über die Finanzkrise. Der Film, in dem sich die Spitzen von Wirtschaft und Politik kritisch mit ihrer eigenen Rolle während der Finanzkrise auseinandersetzen, lege den Schluss nahe, als gäbe es in unserem Land alles, nur kein Parlament, sagte Lammert. "Dass sie am Ende nur durch parlamentarische Entscheidungen bewältigt werden konnte, kommt darin gar nicht vor." Die Jury störte sich daran offenbar nicht. "Der Film ist eine selbstenthüllende Montage, gerade diese Selbstkritik macht den Reiz dieses Beitrages aus", lautete die Begründung Peters Freys dafür, dass der Film zum Favoriten der Jury avancierte. Jedoch habe der Bundestagspräsident diesem Votum nicht zustimmen können, sagte Frey in seiner, durch dieses Statement ungewöhnlich offenen Laudatio. Lammert selbst konnte diesem Reiz freilich durchaus etwas abgewinnen. Er würdigte die Reportage ebenfalls als "brillanten Beitrag zur Vermittlung komplexer Sachverhalte in der Politik". Nur habe er leider mit der Darstellung parlamentarischer Zusammenhänge, wie es die Leitsätze des Medienpreises vorschreiben, nichts zu tun. Schließlich wurde der Dissens so gelöst, alle Nominierten auszuzeichnen.

Am parlamentarischsten kommt in der Dreier-Runde der Beitrag der FAZ daher. Kurz nach der Bundestagswahl 2005 startete die Zeitung ihre Puzzle-Serie, zog hinaus in 132 der insgesamt 299 Wahlkreise um, so die Aufgabe der Redakteure, "eine politische Ethnografie der Wahlkreise" zu erstellen. Im Mittelpunkt stehen dabei jeweils die Abgeordneten des Wahlkreises. So erfahren die Leser, wie die SPD-Politikerin Elke Ferner in Saarbrücken versucht, zu ihrem Ex-Kollegen und nun zum bitteren Konkurrenten gewordenen Oskar Lafontaine eine klare Haltung zu finden. Oder sie werden mitgenommen nach Thüringen, wo vor fast jeder Bundestagswahl die Wahlkreise neu zugeschnitten werden. Abwanderung verlange ständige Anpassung - auch der Kandidaten - heißt es dort. "Am Ende bleibt der Bundestag kein abstraktes Gebilde, sondern erscheint lebensnah", begründete Frey die Auswahl.

Neue Medien auf dem Vormarsch

Politik vermitteln, ob lebensnah oder abstrakt - dies findet heutzutage nicht mehr nur in Printmedien statt. "Die neuen Medien sind auf dem Vormarsch", resümierte Frey im Hinblick auf die Formate der eingereichten Beiträge. Seit 2007 hat sich die Zahl der Bewerbungen für den mit 5.000 Euro dotierten Medienpreis verdreifacht. 75 Bewerbungen gingen bei der Jury 2009 ein, davon kamen 31 von Printmedien, 24 vom Fernsehen, 9 von Hörfunksendern und 11 aus dem Internet- und Multimediabereich. Eine Bilanz, mit der, ganz ohne Dissens, Norbert Lammert und die Medienpreis-Jury gleichermaßen zufrieden waren. Das Verhältnis von Politik und Medien sei zwar nicht von einer "unüberbietbaren Dauerfreundschaft", aber durch erkennbare Sympathie für parlamentarische Ereignisse geprägt", lautete letztlich das versöhnliche Fazit des Bundestagspräsidenten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag