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Birgit Svensson
Zwischen den Fronten

CHRISTEN IM IRAK Vor der Wahl spitzt sich ihre Lage zu

Es waren unter anderem zwei Studenten und zwei Lebensmittelhändler, die in der zweiten Februarwoche in der nordirakischen Stadt Mosul erschossen wurden. Systematisch wurde jeden Tag einer umgebracht. Alle Opfer waren Christen. Das Szenario gleicht dem vom vergangenen Jahr im Januar. Damals wie heute standen Wahlen bevor. Von einer gezielten Christenverfolgung war in Mosul damals die Rede, 40 Menschen wurden umgebracht und die Christen zum Verlassen der Stadt aufgerufen. 12.000 von ihnen sind dem Aufruf gefolgt. Auch in den vergangenen Tagen haben viele der Stadt den Rücken gekehrt. Offizielle Vertreter vor Ort rechnen mit noch mehr Anschlägen auf Christen, je näher der Wahltag am 7. März rückt.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte bereits im November: Die Minderheiten Iraks, von denen die Christen neben den Jesiden und den Schabak die größte sind, werden "kollaterale Opfer" des Konflikts zwischen Arabern und Kurden um die Zugehörigkeit der sogenannten umstrittenen Gebiete - der reichen Ölstadt Kirkuk und Teilen der drittgrößten Stadt Iraks, Mosul. Die Morde werden demnach als politisch motiviert angesehen.

Sie begannen, als die Christen um mehr Repräsentanz der Minderheiten in den irakischen Provinzräten kämpften. Demonstrationen in Bagdad und Ninewa, der Provinz um Mosul, richteten sich gegen den Beschluss des Parlaments, ihre Schutzklauseln für die Provinzwahlen aufzuheben. Später wurde ein Kompromiss gefunden, wonach Vertreter der Minderheiten in die Räte einzogen, jedoch nur noch halb so viele der Sitze erhielten wie zuvor.

Auch im Vorfeld der jetzigen Parlamentswahl gab es Streit um die Minderheitenquoten. Diesmal haben die Christen sich durchsetzen können: Sie erhalten künftig fünf Sitze in der Bagdader Volksvertretung, drei mehr als bisher. Nachdem das neue Wahlgesetz nach zähem Ringen endlich im Dezember verabschiedet wurde, fielen die ersten Schüsse auf einen Christen in Mosul. Der chaldäische Erzbischof, Emil Shimoun Nona, befürchtet nun eine neue Welle der Abwanderung aus seiner Gemeinde. Ohnehin haben seit dem Einmarsch amerikanischer und britischer Truppen im März 2003 etwa eine halbe Million Christen den Irak verlassen, die Hälfte der christlichen Bevölkerung, wie die UN-Kommission für Flüchtlinge bekannt gab.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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