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Interview mit Doris Barnett, in der 16. WP Vorsitzende der deutsch-griechischen Parlamentariergrupp
FÜNF FRAGEN ZUR: LAGE IN GRIECHENLAND

Die Finanzkrise in Griechenland hat auch zu Spannungen zwischen Deutschen und Griechen geführt. Warum ist der Ton plötzlich so scharf?

Wenn ein ganzes Volk als Betrüger tituliert wird, wie im "Focus" geschehen, ist das nicht die feine Art. Die Griechen fühlen sich als Volk ungerecht an den Pranger gestellt. Dennoch herrscht zwischen beiden Ländern ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis. Wir sollten das alles nicht zu hoch hängen.

Die deutsche Kanzlerin hat Hilfsmaßnahmen für Griechenland ausgeschlossen und auch die EU betont, die griechische Regierung soll ihre Haushaltsprobleme möglichst alleine lösen. Kommen wir um Hilfen wirklich herum?

Die EU und gerade auch Deutschland sind monetär zu sehr in Griechenland engagiert, um gleich zu sagen: Wir helfen nicht. Aber mit sofortigen Hilfszusagen würden wir die Reformbemühungen in Griechenland im Keim ersticken. Erst muss ein deutliches Zeichen aus Griechenland kommen, dass sich etwas bewegt. Wenn die EU sieht, was das Land leistet, wird sie es auch nicht alleine lassen.

Trifft die EU nicht auch eine Mitschuld an der Krise? Es ist doch lange bekannt, dass Griechenland massive Haushaltsprobleme hat.

Ja, die EU weiß tatsächlich schon eine ganze Weile, dass die wirtschaftliche Lage in Griechenland extrem angespannt ist. Sie hat zu lange zugesehen und zu viel Rücksicht genommen. Diese Rücksichtnahme kommt jetzt allen teuer zu stehen. Es hätte viel vom Schaden abgewendet werden können.

Könnte die Krise also dazu führen, dass die EU künftig aufmerksamer ist und früher reagiert?

Das wäre zu wünschen. Diese Krise ist auch eine Chance, unsere Europäische Wirtschaftsunion fortzuentwickeln. Wir wollen ja zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum zusammenwachsen. Dazu gehört mehr Transparenz. Wichtig wäre aus meiner Sicht aber auch, ein europäisches Frühwarn- und Handlungssystem zu entwickeln, damit Länder in Zukunft erst gar nicht so sehr in Not geraten.

Die Griechen müssen in den kommenden Jahren harte Einschnitte verkraften. Muss man sich Sorgen um den Zusammenhalt der griechischen Gesellschaft machen?

Wenn alle Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt würden, wäre das für das griechische Volk natürlich sehr hart, insbesondere für die unteren Schichten. Wir müssen deshalb sehr genau schauen, inwieweit Griechenland das alles verkraften kann. Schlecht wäre es, wenn aus dieser Situation ein Zorn und eine Enttäuschung gegenüber Europa entsteht, nach dem Motto: Wir müssen jetzt verarmen wegen der EU. Die Gefahr ist groß, dass dies zu politischer Instabilität führt.

Die Fragen stellte

Johanna Metz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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