Inhalt

Annika Joeres
Wettstreit um die Schule der Zukunft

Wahlkampf Bildung ist das Topthema. Eltern, Lehrer und Verbände mischen kräftig mit

Der Bildungswahlkampf hat in Nordrhein-Westfalen schon mehr als 500 Grundschulleiter erfasst: Sie fordern in diesen Wochen ein längeres Lernen an ihren Schulen. "Vier Jahre sind zu kurz, um jedem Kind die selben Chancen zu geben", heißt es in dem Aufruf an die Düsseldorfer Landesregierung. In zwei Monaten wird im größten Bundesland gewählt und mehr als je zuvor wird hier die Schule der Zukunft verhandelt. Denn dies ist ein zentrales Thema für alle Parteien. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) warb schon im Landtagswahlkampf 2005 mit neuen Lehrern und mehr Bildungsinvestitionen. In der Schulfrage gibt sich Rüttgers betont konservativ. Die CDU hält in Nordrhein-Westfalen am jetzigen Schulsystem fest. Eine "Gleichmacherei" sei mit den Christdemokraten nicht zu machen, unterstreicht ihr Parteichef.

Ende der Hauptschule?

Die schwarz-gelbe Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag das dreigliedrige System festgeschrieben. Bildungsministerin Barbara Sommer (CDU) fordert immer wieder, "die Hauptschule zu stärken". Die ausgebildete Lehrerin avancierte zur bekanntesten Ministerin im Kabinett von Ministerpräsident Rüttgers. Sommer führte die Halbjahreszeugnisse mit Kopfnoten wieder ein und löste die so genannten Grundschulbezirke, nach denen der Wohnort über die Schule entscheidet, wieder auf.

Der mächtige Philologenverband, die Stimme der Gymnasiallehrer, steht hinter der Politik von CDU und FDP. Er hat sich an die Spitze des "Aktionsbündnisses Schule" gesetzt, das die getrennten Schulen behalten will. "Die Vielfalt der Schulen muss erhalten bleiben", sagt der Chef des Verbandes, Peter Silbernagel. Das Ende der Hauptschule würde "herbeiargumentiert" und die Einheitsschule sei unter Eltern unbeliebt.

Die Opposition aus Grünen, SPD und dem fraktionslosen Abgeordneten der Linken fordert dagegen den großen Umschwung nach dem Urnengang: Sie wollen die Gemeinschaftsschule für alle Schülerinnen und Schüler bis zur zehnten Klasse einführen. In den 1970er Jahren ist die SPD mit dieser Idee noch an der Wahlurne gescheitert - nun glaubt sie eine Mehrheit hinter sich zu haben. "Ministerpräsident Rüttgers ist in seiner eigenen Partei längst zum ideologischen Dinosaurier der Schulpolitik geworden", sagt SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft. Bei einem Wahlsieg wollen die Sozialdemokraten die Kopfnoten und die verbindlichen Grundschulempfehlungen wieder abschaffen. Das Abitur soll sowohl nach 12 als auch nach 13 Jahren abgelegt werden können. Die Schulklassen sollen auf maximal 25 Kinder begrenzt werden.

Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft glaubt, die Bereitschaft zu einer grundlegenden Veränderung sei heute sehr hoch. Die Anmeldezahlen an den Gesamtschulen stiegen rasant. "Die Eltern stimmen mit den Füßen ab", sagt Paschert. Eine generelle Wahlempfehlung will die Gewerkschaft offiziell nicht aussprechen - aber ganz offen unterstützt sie das Projekt Gemeinschaftsschule der Opposition.

Der Ton wird rauer

Die CDU prophezeit bereits ein "rot-rot-grünes Chaos an den Schulen". Die knappen Umfragen könnten den Ton im Schlussspurt des Wahlkampfes auf beiden Seiten noch rauer werden lassen. Schon als die SPD das Konzept zur Gemeinschaftsschule auf einem Landesparteitag mit großer Mehrheit verabschiedet, stand die CDU tags darauf mit Plakaten vor den Gymnasien des Landes: "Die SPD will diese Schule schließen", prangte darauf in großen Lettern. Und die Sozialdemokraten werfen dem Ministerpräsidenten vor, Kinder auf den Hauptschulen verloren zu geben. Zwischen Minden und Aachen könnte die Bildung bald so heftig diskutiert werden wie zuletzt in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag