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VOR 40 JAHREN ...
Sandra Ketterer
Erfurter feiern Brandt

19. März 1970: Erstes deutsch-deutsches Regierungstreffen

Es war nur ein kurzer Auftritt. Geplant war er nicht. Ein Mann trat ans Fenster des Hotels "Erfurter Hof", nickte der Hüte schwenkenden Menge zu, winkte kurz - und zog sich wieder zurück. Die "Willy Brandt ans Fenster"-Rufe von etwa 8.000 Menschen hatten Wirkung gezeigt.

Der Bundeskanzler war zu Regierungsberatungen in die DDR gereist, den ersten in der Geschichte der beiden deutschen Staaten. Die Bundesrepublik unter ihrem ersten Kanzler Konrad Adenauer (CDU) hatte schon 1949 für sich in Anspruch genommen, die Deutschen allein zu repräsentieren. Der SPD-Politiker Brandt läutete eine neue Ära ein: Mit seinem Regierungsantritt 1969 begann er eine neue Politik, die Entspannung im Streit zwischen Ost und West erreichen wollte. Die Konsultationen mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph markierten den Beginn dieses Prozesses.

Dürftig war indes das Ergebnis des Treffens: Stoph pochte auf die Anerkennung der DDR, Brandt auf die "besonderen Beziehungen" beider Republiken. Lediglich auf ein Folgetreffen auf westdeutscher Seite einigten sich die beiden.

Für die DDR-Regierung war das Treffen noch aus einem anderen Grund ernüchternd: In Erfurt musste sie erkennen, dass sie ihre Bürger nicht im Griff hat. Eigentlich hätte die Menge gar nicht vor dem Hotel stehen sollen. Sie hatten die Sperren der Polizei durchbrochen. Auch die eigens engagierten "Es lebe Willi Stoph"-Rufer konnten der Begeisterung für den Westdeutschen nichts anhaben.

Das Erfurter Hotel trägt seit 2009 den Schriftzug "Willy Brandt ans Fenster" auf dem Dach.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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