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ORTSTERMIN BEIM: DIGITALEN VOLKSKAMMER-ARCHIV
Lydia Harder
»Das ist eine echte Fundgrube«

Das erste frei gewählte Parlament der DDR hat nur ein gutes halbes Jahr bestanden. Im Jahr nach dem Mauerfall, von April bis Oktober 1990, produzierte die 10. Volkskammer aber eine beachtliche Menge an Quellen, die heute historischen Wert haben: 4.400 Seiten Drucksachen, 39 Sitzungsprotokolle mit 1.900 Seiten, 730 Akten mit Wahlergebnissen, Tagesordnungen und Sitzungsberichten der 26 Ausschüsse. "Das ist eine echte Fundgrube für Historiker", sagt Maika Jachmann, Leiterin der Online- und Fernsehredaktion des Deutschen Bundestages. 198 Stunden Original-Mitschnitte hat das Deutsche Rundfunkarchiv dem Bundestag überlassen. Jachmanns Referat hat sie in den vergangenen Monaten digitalisiert. Fast schon in Vergessenheit geraten, sind die Aufzeichnungen des Parlaments vom 18. März an unter www.volkskammer.bundestag.de abrufbar - genau zwanzig Jahre nach der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990.

In den Regieräumen des Parlamentsfernsehens saßen Mitarbeiter vor flimmernden Bildschirmen, haben sämtliche Redebeiträge erfasst und aufbereitet: Mal fehlte der Ton, mal das Bild, mal endete die Aufzeichnung abrupt. Und nicht jeder Redner war auf den ersten Blick zu identifizieren. Doch es tauchten auch vertraute Gesichter am Rednerpult der Volkskammer auf: Matthias Platzeck zum Beispiel, in der 10. Volkskammer noch ein Bündnis-Grüner mit Vollbart. Seine Fraktionskollegen Marianne Birthler und Werner Schulz gehören wie Wolfgang Thierse (SPD), Dagmar Enkelmann, Gregor Gysi und Lothar Bisky (alle PDS, heute Die Linke ) zu den heute noch bekannten Namen.

Bislang sei die Volkskammer kaum erforscht, sagt Maika Jachmann. Nun werde ihre Arbeit der Öffentlichkeit auf einfache Weise im Internet zugänglich gemacht. Das Referat "Parlamentsdokumentation", im Bundestag hauptsächlich zuständig für die Auswertung von Plenardebatten, Anträgen und Gesetzentwürfen, hat in Kooperation mit dem Bundesarchiv die Digitalisierung der Plenarprotokolle und Drucksachen der 10. Volkskammer betreut. "Außerdem stellen wir auf der Internetseite ein Redner-, Stichwort-, Drucksachen- und Tagungsverzeichnis zur Verfügung", erklärt die Leiterin des Referats, Petra Düwel. Einen Beitrag hat auch Wilhelm Heinz Schröder vom Zentrum für historische Sozialforschung geleistet: Kurzbiografien aller 409 Volkskammerabgeordneten, die ebenfalls über die Internetseite des Bundestags abrufbar sind.

Angestoßen wurde die Digitalisierung der Volkskammerdokumente von der Abgeordneten Maria Michalk (CDU), dem ehemaligen Parlamentarier Stephan Hilsberg (SPD) und dem Ost-West-Forum in Münster. Maria Michalk saß damals selbst in der Volkskammer und erinnert sich an eine "intensive und spannende Zeit". Die Atmosphäre sei in den Mitschnitten gut nachvollziehbar. "Wir haben konzentriert gearbeitet, in kürzester Zeit eine Fülle an Aufgaben bewältigt."

Die 10. Volkskammer tagte jede Woche und oft bis in den frühen Morgen, um in nur sechs Monaten die deutsche Einheit vorzubereiten. In 37 Sitzungen hat die Volkskammer 164 Gesetze und 93 Beschlüsse beraten und verabschiedet. In der vorletzten nahm die Anspannung noch einmal zu. Der Ausschuss, der die Abgeordneten auf eine mögliche Stasi-Mitarbeit hin überprüfen sollte, legte seine Ergebnisse vor: 15 Abgeordnete wurden so schwer belastet, dass sie ihr Mandat niederlegen sollten.

Sowohl beim Lesen der Protokolle als auch beim Sichten der Videos ist die Aufbruchstimmung in der Volkskammer spürbar. Und Momente der Freude sind zu sehen, als etwa Präsidentin Sabine Bergmann-Pohl den Beitrittstermin der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes verkündet. Doch nicht jeder war damit einverstanden. Gysi zum Beispiel fand, das Parlament habe "soeben nicht mehr und nicht weniger, als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik zum 3. Oktober 1990 ...". Weiter kam er nicht, denn es brach frenetischer Jubel aus.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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