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Jörg von Bilavsky
Blick zurück nach vorn

ESSAYS und PortrÄts Tony Judt über das 20. Jahrhundert

Wo waren die Intellektuellen als der Eiserne Vorhang fiel, die USA dem islamistischen Terror den Kampf ansagte oder die Banken pleite gingen? In ihrem Elfenbeinturm, zu den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen schweigend? Dieser Eindruck mag sich beim interessierten Zeitgenossen einstellen, blickt er auf die letzten drei Jahrzehnte zurück. War im Kontrast dazu aber das 20. Jahrhundert wirklich die Zeit der streitbaren Intellektuellen, die sich ständig in "politische Debatten einmischten und sie beeinflussten"? So zumindest urteilt der britische Historiker Tony Judt in seinen essayistischen "Erinnerungen und Reflexionen", mit denen er nicht nur Geistesgrößen wie Arthur Koestler und Hannah Arendt oder Albert Camus und Edward Said dem Vergessen entreißen, sondern überdies an die Konflikte und Dogmen, Ideale und Ängste des vergangenen Jahrhunderts erinnern möchte.

"Die Vergangenheit lastet schwer auf der Gegenwart" und Politiker wie Intellektuelle versäumen, Lehren aus dieser Geschichte zu ziehen, lautet seine skeptische These. Bei genauerer und umfassenderer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass die von ihm lebendig porträtierten Intellektuellen den öffentlichen Diskurs keineswegs diktierten und wir heutzutage auch nicht in einer geschichtsblinden Epoche leben. Heutzutage mangelt es nicht an Globalisierungskritikern, die sich aus der ideologischen Mottenkiste des Marxismus bedienen. Und auch die Neoliberalen berufen sich oft und gerne auf ihre marktradikalen Ahnherren. Weder das linke noch das rechte Lager argumentiert losgelöst von den Theorien und Diskursen des letzten Jahrhunderts. Befriedigende Konzepte, geschweige denn Visionen sind darin freilich nicht zu erkennen. Genau das aber erwartet der engagierte Historiker von den geistig und politisch Mächtigen, denen er deshalb den Blick zurück nach vorn empfiehlt.

In seinen zwischen 1994 und 2006 entstandenen Essays, Porträts und Rezensionen analysiert er nicht nur haarscharf die Irrungen und Wirrungen Frankreichs, Großbritanniens, Israels und vor allem der USA in den letzten Jahrzehnten. Tony Judt plädiert immer auch für eine Balance zwischen staatlicher Regulierung und persönlicher Freiheit, insbesonder für soziale Gerechtigkeit und friedliches Konfliktmanagement. Schließlich möchte er sich von Historikern in 100 Jahren nicht vorwerfen lassen, im 21. Jahrhundert als Intellektueller geschwiegen zu haben.

Tony Judt:

Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen.

Hanser Verlag, München 2010, 480 S., 27,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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