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Alexander Weinlein
Vom Wickeltisch an die Front

Bundewehr Andrea Jeska und Jasna Zajcek besuchten deutsche Soldatinnen und erzählen über deren Alltag in Uniform

Anika Kalkofen hat eine ungewöhnliche Karriere gemacht - ungewöhnlich zumindest für eine Frau. Für eine Frau bei der Bundeswehr. Für eine Frau bei den Panzergrenadieren. An der Bürotür der 29-Jährigen steht "Kompaniechef". Die Schulterklappen auf ihrer Uniform zeichnen sie als Oberleutnant aus. Zumindest im Heer hat diese Position noch keine Frau vor ihr erreicht. Doch die Soldatin gibt sich bescheiden: "Das ist eine normale Laufbahn. Ich habe eben Glück gehabt. Kompaniechefstellen gibt es zwar nicht so viele, aber ich war in meinem Jahrgang auch die einzige Frau bei den Panzergrenadieren, die die Ausbildung geschafft hat. Ich hatte keine Verletzungen, ich hatte meine Prüfungen bestanden, ich habe irgendwie durchgehalten. Und so kam ich bis hierher."

Aus dem Munde der jungen Frau, die die 2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 411 in Stallberg im Landkreis Uecker-Randow führt, klingt das, als wäre ihre soldatische Karriere das Normalste von der Welt. Doch das ist es nicht. Denn bis vor zehn Jahren war es schlicht undenkbar, dass in Deutschland eine Frau jemals einen militärischen Kampfverband führen würde. Bis zum 11. Januar 2000 konnten Deutschlands Frauen allenfalls als Sanitäterinnen oder Musikerinnen in der Bundeswehr dienen. So sah es Artikel 12 des Grundgesetzes vor, nach dem Frauen keinen Dienst an der Waffe leisten durften.

Das EuGH-Urteil

Doch an besagtem 11. Januar 2000 entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg im Fall Tanja Krell gegen die Bundesrepublik Deutschland, dass diese Regelung gegen die europäische Richtlinie 76/207 zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen verstoße. Dabei hatte die damals 23-jährige Tanja Krell eigentlich gar keinen Dienst an der Waffe leisten wollen, sondern wollte diese nur reparieren. Die gelernte Elektrotechnikerin hatte sich bei der Bundeswehr um eine Laufbahn in der Waffeninstandhaltung beworben. Doch auch diese Tür war damals noch verschlossen. Sie klagte vor dem Verwaltungsgericht in Hannover, doch die deutschen Richter reichten den Fall weiter an ihre Kollegen am EuGH in Luxemburg.

Auch Anika Kalkofen hatte sich im Jahr 2000 zunächst um eine Sanitätslaufbahn bei den Streitkräften beworben, obwohl sie keine rechte Lust verspürte, Medizin zu studieren. Aber sie wollte "unbedingt etwas mit Uniform machen". Und die Bundeswehr reagierte schnell auf das Urteil aus Luxemburg. Nach einem Bewerbungsgespräch wurde Kalkofens Sanitätsdienstbewerbung in eine Heeresbewerbung umgeschrieben. Jetzt ist die zierliche Person mit dem langen Haarzopf "nicht Mensch, nicht Tier - sie ist ein Panzergrenadier", wie es im Bundeswehrjargon flapsig heißt.

Anika Kalkofen ist eine von 16.900 Soldatinnen, die derzeit in der Bundeswehr ihren Dienst versehen. Und sie ist eine von rund zwei Dutzend Frauen, die die beiden Journalistinnen Andrea Jeska und Jasna Zajcek besucht, interviewt und in ihren Büchern "Wir sind kein Mädchenverein" und "Unter Soldatinnen" porträtiert haben. Sie berichten über Alltag, Familienprobleme, Karrierehoffnungen und Enttäuschungen der Soldatinnen und vermitteln einen guten Einblick in das Innenleben der deutschen Streitkräfte.

Als im Januar 2001 die ersten Rekrutinnen durch die Kasernentore marschierten, war das mediale Interesse groß. Reporter und Kameras wurden zu ständigen Begleitern. Jedes Detail schien interessant. Bekommen die jungen Frauen eigens geschnittene Uniformen? Wo werden sie duschen, wo werden sie schlafen? Wie verhält es sich mit Liebe und Sex in der Kaserne? Dürfen sie die Haare lang tragen? Und heißt es zukünftig "Frau Hauptmann" oder etwa "Hauptfrau"?

Dienstanweisungen

Aus der Luft gegriffen waren all diese Fragen jedoch nicht, wie Andrea Jeska darstellt. Auch die Bundeswehr musste sich auf all diese Alltäglichkeiten einstellen. So produzierte das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr erst einmal einen wahren Berg von Anweisungen und Anleitungen, wie die Soldatinnen möglichst reibungslos in die Männertruppe zu integrieren seien.

Die Journalistin zitiert ausführlich aus diesen Papieren und vermittelt so einen guten Eindruck über die Diskussionen unter deutschen Militärs vor zehn Jahren, die heute eher zum Schmunzel reizen. So heißt es beispielsweise zur Frage, ob Frauen Brustimplantate besitzen dürfen zunächst lapidar: "Körperformende Implantate sind nach der z.Zt. gültigen Begutachtungsvorschrift ZDv 46/1 nicht mit dem Wehrdienst vereinbar." Doch dann steht dort auch zu lesen: "Aber die Bundeswehr bleibt von den Strömungen der Gesellschaft natürlich nicht unberührt. In einer Neufassung der Begutachtungsvorschrift wird den Strömungen der Gesellschaft sowie dem medizinischen Fortschritt der besser verträglichen körperformenden Implantate voraussichtlich Rechnung getragen und diese nicht mehr grundsätzlich ausschließend beurteilt." Wahrscheinlich, so fügt Jeska hinzu, werde die Nachwelt einmal in den Bundeswehrunterlagen die ausführlichsten Informationen zum Zusammenleben der Geschlechter Anfang des zweiten Jahrtausends finden.

Weltweit im Einsatz

Während Andrea Jeska in ihrem Buch "Wir sind kein Mädchenverein" bemüht ist, auch die gesellschaftlichen Diskussionen über den Einzug der Frauen in die Kasernen in eigenen Kapiteln nachzuzeichnen, hat ihre Kollegin Jasna Zajcek den Schwerpunkt ihres Buches "Unter Soldatinnen" auf die Frauen in den Einsatzgebieten rund um den Globus gelegt. So besuchte sie die deutschen Kontingente der internationalen Schutztruppen im Kosovo und in Bosnien, reiste bis ins sudanesische Khartum, um sich mit einer Offizierin der 75-köpfigen deutschen Unmis-Truppe zu treffen, besuchte Seekadetinnen auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" und Marine-Soldatinnen vor den Küsten des Libanon. "Einen Frontbericht" nennt sie ihr Buch folgerichtig im Untertitel und macht damit bereits deutlich, dass für die Frauen der Dienst an der Waffe entgegen allen früheren Widerständen zwar in den vergangenen zehn Jahren zum gesellschaftlich akzeptierten Alltag geworden ist, dass dieser Alltag aber eben auch mit Gefahren für Leib und Leben verbunden sein kann.

Um ein Gespür für die Härten und Probleme dieses Alltags zu bekommen, streifte die 35-jährige Journalistin auch selbst die Uniform über und absolvierte als "Rekrut Zajcek" eine vierwöchige Ausbildung an der Marineschule Mürwik: "Um gemeinsam mit jungen Frauen den Kampf gegen Hitze und Kälte, gegen Müdigkeit, Durst Erschöpfung und Hunger, Heimweh, Fremdbestimmung und auch den inneren Schweinehund zu bestehen und so besseren Kontakt zu ihnen zu bekommen."

Empfehlen kann man getrost beide Bücher. Andrea Jeska und Jasna Zajcek bieten eine gut recherchierte, informative und spannend zu lesende Lektüre. Am besten im Doppelpack.

Andrea Jeska:

Wir sind kein Mädchenverein. Frauen in der Bundeswehr.

Diana Verlag, München 2010; 240 S., 16,95 €

Jasna Zajcek:

Unter Soldatinnen. Ein Frontbericht.

Piper Verlag, München 2010; 256 S., 14,96 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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