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Jeannette Goddar
Gläubig und demokratisch

Muslime in Deutschland Ein unaufgeregtes Buch zu einer aufgeregten Debatte

Wenn eine weiß, was junge Muslime in Deutschland so denken, dann ist es wohl Lamya Kaddor. Woche für Woche hört sie pubertierenden Schülern zu. Die gebürtige Westfälin und Tochter syrischer Eltern ist eine der wenigen Islamkunde-Lehrerinnen in Deutschland. Damit unterrichtet sie jenes Fach, das in Nordrhein-Westfalen entwickelt wurde, um den Koranschulen die Interpretation der heiligen Schriften des Islam nicht allein zu überlassen. Wie ernst die Islamwissenschaftlerin diesen Lehrauftrag nimmt, hat sie schon mit zwei Büchern unter Beweis gestellt: Sie ist die Verfasserin des ersten "Koran für Kinder und Erwachsene" und des ersten deutschsprachigen Schulbuchs für den Islamunterricht namens "Saphir".

Seit sechs Jahren unterrichtet die junge Lehrerin Hauptschüler im nordrhein-westfälischen Dinslaken. Sie erlebt, wie sehr sich das Islam-Verständnis der Jugendlichen auf wenige Regeln reduziert; nämlich in etwa auf jene, die selbst nicht-muslimische Deutsche inzwischen kennen. Immer wieder nimmt sie sich Suren aus dem Koran oder so genannte Hadhiten vor und diskutiert, was diese bedeuten könnten - beispielsweise was die Pflicht zur Verhüllung oder die voreheliche Liebe angeht. In ihren Klassen erörtert sie für die Jugendlichen Fragen wie die, ob es wirklich sein kann, dass Jungen ins Bordell dürfen - und Mädchen als "Schlampen" gelten, wenn sie einen Freund haben. Manchmal sieht Lamya Kaddor sogar aufgebrachte Eltern ihrer Schüler vor sich - wenn sie es zum Beispiel wagt darauf hinzuweisen, dass der Prophet Mohammed eine Minderjährige geehelicht hat.

Lamya Kaddor erlebt also eine Menge Dinge, die die meisten Menschen in Deutschland nicht erleben. So wie ihr Hintergrund ist auch ihr drittes Buch geraten: Handfest, hilfreich, pragmatisch. "Muslimisch - weiblich - deutsch" ist eine angenehm unaufgeregte Stimme in einem gemeinhin sehr aufgeregten Diskurs. Es ist ein Aufklärungsbuch, im besten Sinne, unmissionarisch, ehrlich, verständlich geschrieben. Es ist aber auch ein flammendes Plädoyer dafür, dass Menschen so leben können, wie es Lamya Kaddor tut: Gläubig und demokratisch. Und, man muss es ja auch 50 Jahre nach Beginn der Einwanderung aus islamisch geprägten Ländern immer noch dazu sagen: Deutsch. "Ich möchte selbst bestimmen was mein Deutschein bedeutet", konstatiert die Westfälin mit den syrischen Wurzeln. Und sie möchte "selbst bestimmen, wie ich meinen Islam lebe".

Zeitgemäße Auslegung

Während sie den Leser an die Hand nimmt und erklärt, warum sie ihn wie lebt, liefert sie ein Glanzstück moderner Koraninterpretation. Schon dafür, dass es immer nur um eine "zeitgemäße Auslegung" gehen kann, liefert die Islamwissenschaftlerin ein vielleicht konstruiertes, aber überaus anschauliches Beispiel: Was nämlich soll ein gläubiger Muslim zur Sommersonnenwende am immer hellen Nordkap machen - wenn er gehalten ist, während des Ramadan vom ersten Morgenlicht bis zum Sonnenuntergang zu fasten? Verhungern?

Ihre zeitgemäße Auslegung bringt Lamya Kaddor zu einem Schluss, den auch Alice Schwarzers "Emma" flugs druckte: Kopftuch muss nicht sein. Zwar habe der Schleier seine theologische Grundlage im Koran - insofern sei zu akzeptieren, wenn Frauen ihn tragen wollten. Sie selber ist der Auffassung: Anders als vor 1.400 Jahren werden Frauen heute nicht mehr für eine Sklavin oder eine Magd gehalten, wenn sie sich nicht verhüllen. Also werden sie auch nicht schon deswegen von Männern belästigt -was früher durchaus der Fall war, weil alle Frauen der besseren Kreise das Tuch einfach trugen. Ihr Resümee: "Wenn ich als Muslimin heute in Deutschland oder Europa lebe: Erfüllt das Kopftuch noch seinen ursprünglichen Zweck? Nein. (...) Es ist obsolet." Und zwar für: Lamya Kaddor. Eine Frau, die von ihrer Meinung überzeugt ist. Und zulässt, dass andere Menschen eine eigene haben.

Lamya Kaddor:

Muslimisch - weiblich - deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam.

Verlag C.H. Beck, München 2010; 206 S., 17,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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