Inhalt

Alexander Christoph
Blauäugige Schwärmereien

NS-Diktatur Jürgen Seidels einfühlsamer Jugendroman über Verführung und Betrug

Das Deutsche Reich im Sommer 1936. Innerhalb von nur drei Jahren haben Adolf Hitler und seine nationalsozialistischen Schergen das zarte Pflänzchen der Demokratie in der Weimarer Republik zertrampelt. Der Führerstaat ist errichtet, die Macht des Reichskanzlers absolut. Und das Volk jubiliert - auch, weil die Olympischen Spiele von Berlin die deutsche Seele streicheln. Das ist der Schauplatz von Jürgen Seidels Roman "Blumen für den Führer".

Warum fanden die Menschen Adolf Hitler damals so faszinierend? Weshalb regte sich weder im In- noch im Ausland ein spürbarer Widerstand gegen dessen Großmannssucht oder gegen die Diskriminierung der Juden? Diesen und weiteren Fragen spürt der 1948 in Berlin geborene und nunmehr in Neuss lebende Schriftsteller auf spannende, überaus reizvolle Weise nach. Denn nicht alle Charaktere des Romans lassen sich in ein starres Schwarz-Weiß-Schema pressen, in dem Hitler entweder vergöttert oder verteufelt wird. Es sind die leisen Zweifel, die Figuren wie die Erzieherin Waltraut Knesebeck befallen, ob der eingeschlagene national und rassenideologisch gefärbte Weg der richtige ist, die bewegen. Doch der Reihe nach.

Anfangs liest sich das alles wie ein typischer Jugendroman. Es geht um die erste Liebe, um das Streben nach Glück und um enttäuschte Hoffnungen. Reni Anstorm kommt nach dem Tod der Tante mit elf Jahren in ein Mädchenpensionat und lebt dort mit anderen Waisenkindern relativ glücklich und unbeschwert zusammen. Die Routine des Unterrichts wird lediglich durch Arbeiten auf dem Feld, in der Küche oder im Haushalt unterbrochen. Mit 15 Jahren verliebt sie sich schließlich in den gleichaltrigen Bauernburschen Jockel. Einzig allein ihre Eltern, an die sie keinerlei Erinnerung hat, vermisst das Kind.

Der Kern der Handlung erscheint keineswegs neu zu sein, nur in Varianten unzählige Male anders erzählt. Jürgen Seidel bettet die Geschichte jedoch nicht nur geschickt in die damalige Zeit ein, sondern er bereichert sie um eine unerwartete Wendung. Unverhofft taucht in Gestalt von Ferdinand Graf Haardt Renis leiblicher Vater auf. Jahrelang wollte er nichts von seiner Tochter wissen, weil sie ihn an seine unstandesgemäße Affäre mit einem Zimmermädchen erinnerte. Nur: die Zeiten sind jetzt andere. Reni ist blond, blauäugig und überaus hübsch, kurzum: sie entspricht dem damaligen Ideal. Womit sie für den Vater das perfekte Mittel ist, um in den einflussreichen Kreisen des Nazi-Regimes Eindruck zu schinden.

Skrupelloser Opportunismus

Indem Jürgen Seidel den Grafen Haardt als Prototypen eines arroganten gleichsam skrupellosen Opportunisten zeichnet, gelingt es nachzuvollziehen, warum der Aufstieg eines so verbrecherischen Regimes überhaupt möglich war. Es sind die Gier und der unbedingte Machtwille Einzelner die gefährlich sind. Das ist bedrückend. Zumal das Ganze glaubwürdig vermittelt wird. Was auch im Wissen des Autors über die damalige Zeit begründet liegt. Gleich ob es sich um die Verfolgung von Regimegegnern handelt, die Verfolgung alles Nichtdeutschen durch die Nationalsozialisten, das Mitfiebern der Bevölkerung mit den deutschen Leichtathleten bei den Wettkämpfen oder darum, welcher Film im Ufa-Palast in der Berliner Hardenbergstraße im Sommer 1936 gezeigt wurde - Seidel entwirft in einer frischen und unaufgeregten Sprache ein detailliertes Bild der damaligen Zeit.

Das macht einem Lust zu lesen. Auch die Naivität von Reni gefällt. Sie ist anfangs arglos und schwärmt für den Führer, wie es heutzutage Jugendlichen nur bei Popstars oder Schauspielern geschehen kann. Misstrauen scheint ihr fremd, bis sie ihrem Idol begegnet: "Um sie her war etwas viel zu Großes wirksam, etwas viel, viel Größeres, als sie mit ihrem Mädchenblick erfassen konnte. Es machte ihr auch Angst, es war undurchsichtig und bedrohlich." Das sind unfühlsame Sätze in einem ebenso einfühlsamen Roman.

Jürgen Seidel:

Blumen für den Führer.

cbj Verlag, München 2010, 432 S., 16,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag