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Günter Beyer
Abschied von der Polis der Sesshaften

Integration Der Psychologe Mark Terkessidis plädiert für ein »Programm der Interkultur«

Wetterflüchtige Rentner aus Deutschland verbringen die Wintermonate in Spanien. Polnische Erntehelfer reisen jedes Jahr zur Spargelsaison nach Niedersachsen. Asylsuchende setzen ihr Leben aufs Spiel, um Europas Küsten zu erreichen. Die weltweit gewachsene Mobilität ist eine immer noch unterschätzte Triebkraft für gesellschaftliche Veränderungen. Politische Ideen waren stets an die Vorstellung von dauerhafter Anwesenheit des Staatsbürgers in seinem Gemeinwesen geknüpft.

Diese Prämissen stellt der Psychologe und Publizist Mark Terkessidis auf den Prüfstand. "Unsere Vorstellungen der Polis sind geprägt von Sesshaftigkeit, doch je mobiler das Leben wird, desto mehr werden Personen auch zu vorübergehenden ,Benutzern' des Gemeinwesens", schreibt er. An ihren wechselnden Aufenthaltsorten fehle ihnen meist jede Möglichkeit von Partizipation. Das gelte für deutsche Langzeiturlauber in Spanien ebenso wie für Armutsflüchtlinge.

Dem freiwilligen oder erzwungenen Ortswechsel stellt Terkessidis das "Recht auf einen Ort" entgegen. Brisant sind solche Überlegungen in der gegenwärtigen Migrationsdebatte. Terkessidis hält den Diskutanten inhaltliche Stagnation vor: Seit 30 Jahren würden nun Personen mit Migrationshintergrund als defekte Sondergruppe betrachtet, die "an die herrschenden Standards herangeführt werden" müsse. Doch die Vorstellungen von der "deutschen Norm", sind brüchig geworden. Mit angeblichen germanischen Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit können sich selbst viele Deutsche nicht mehr identifizieren. Die Situation ist paradox: Einerseits ist "Deutschsein" kaum zu definieren, andererseits wirkt das diffuse Wir-Gefühl unvermindert exkludierend. Nur elf Prozent der in Deutschland lebenden Muslime beispielsweise erwarten, dass sie von "den Deutschen" jemals als Ihresgleichen akzeptiert würden, selbst wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit hätten. Für Mark Terkessidis, 1966 als Sohn eines Griechen und einer Deutschen im Rheinland geboren, ist die Konsequenz klar: Eine Leitkultur gibt es nicht, an die Stelle der Polis der Sesshaften ist längst die "Parapolis" der Vielen als moderne, "illegitime Schwester" getreten. Ein Gemeinwesen, das zahlreiche kulturelle Einflüsse bereichern, die es aber auch anfällig für Konflikte machen.

Abkehr von der Ethnizität

In Deutschland, stellt Terkessidis fest, gilt die erste Frage an einen Zuwanderer stets seiner Herkunft, seinen ethnischen und kulturellen Wurzeln. Türkin, Araber, Chinese - der Deutsche glaubt dann zu wissen, mit wem er es zu hat. "Mit dem Begriff ,kulturelle Identität' habe ich nie etwas anfangen können", schreibt Terkessidis und ärgert sich, wenn er liest, der Migrant sitze zwischen allen Stühlen. Er plädiert für ein "Programm der Interkultur", das er von "Multi-Kulti" abgrenzt und das das Individuum jenseits von Ethnizität in den Fokus nimmt. Nicht der Migrant habe sich anzupassen, sondern die "Umgestaltung der Institutionen ist der Königsweg zur Gestaltung der Vielheit". Alle Institutionen müssten neu organisiert werden nach der Maxime der "prinzipiellen Wertschätzung von Unterschiedlichkeit". Kita, Schule, Wirtschaft, Medien, Nationalstaat, Demokratie seien deshalb auf die Gewährleistung von "Barrierefreiheit" für Zuwanderer abzuklopfen. Das ist zwar ein sympathischer Ansatz, aber auch eine Herkulesarbeit, die Terkessidis in seinem Essay keineswegs zu Ende bringt.

Seine Beobachtungen sind oft treffend, etwa sein Hinweis auf den geringen Prozentsatz von Journalisten mit Migrationshintergrund. Kita und Schule dagegen, Schlüsselinstitutionen der Integration, werden mit der flapsigen Bemerkung abgehandelt, im Grunde sei es gleich, "welchen Hintergrund die Kinder haben, wenn es denn die Bereitschaft gibt, die unterschiedlichen Voraussetzungen ,im Normalbetrieb' zu berücksichtigen." Das Projekt einer barrierefreien Neuerfindung der Institutionen benötigt offenbar noch Mitstreiter.

Mark Terkessidis:

Interkultur.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2010; 221 S., 13 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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