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Jörg von Bilavsky
Der Mut zur Tat

Porträt Die Historikerin Barbara Beuys hat eine einfühlsame Biografie vorgelegt, die Sophie Scholls Stärken und Schwächen abwägt und damit das Werden und Wirken der jungen Widerstandskämpferin verständlich macht

18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast: Joseph Goebbels hat seinen großen Auftritt. Voller Hass stachelt er mehr als 10.000 Deutsche im Saal und Millionen an den Volksempfängern zum "Totalen Krieg" an. Das Publikum hält es nach der Hetzrede nicht mehr auf den Sitzen. Mit donnerndem Applaus besiegelt es den eigenen Untergang. 18. Februar 1943 im Wittelsbacher Palais in München: Sophie Scholl sitzt im Gestapo-Gefängnis und erklärt mit gefasster Miene nach mehrstündigem Verhör, dass sie "mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben will", weil er die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise einschränke, die ihrem inneren Wesen widerspreche. Mit ihrem ehrlichen Bekenntnis setzt die 21-Jährige ein klares Zeichen für Zivilcourage und gegen den Krieg.

Barbara Beuys weist in ihrer neuen Scholl-Biografie ganz bewusst auf die Gleichzeitigkeit der beiden Ereignisse hin. Der Kontrast macht besonders deutlich, in welchem Gegensatz Sophie Scholl zu ihrer Zeit gedacht, gelebt und gehandelt hat. Ihr kompromissloser Widerstandsgeist ist in vielen Biografien und Filmen glaubhaft dargestellt worden. Nicht selten mündeten viele der Lebensbeschreibungen aber in eine Heiligenverehrung. In diese Falle tappt die Historikerin und erfahrene Biografin zum Glück nicht. Obgleich sie Sophie Scholls Charakter zu Recht bewundert, versäumt sie es niemals, dessen Schwächen offen zu legen. Mehr noch als Sophies Taten geht sie deren Gedanken und Gefühlen auf den Grund. Aus Sophies Briefen und Tagebüchern wie aus der umfangreichen Korrespondenz ihrer Geschwister und Freunde liest Beuys mit der Empfindlichkeit eines Seismografs die Höhen und Tiefen der Adoleszenz heraus. Beuys' glänzend geschriebene Biografie liest sich wie ein klassischer Entwicklungsroman, der Sophie Scholls Irrungen und Wirrungen meist klar, manchmal aber auch etwas weitschweifig zur Sprache bringt.

Seelische Schwankungen

Festen Halt gaben der Heranwachsenden trotz aller seelischen Schwankungen Eltern und Geschwister, bei denen sie Geborgenheit und Verständnis fand. Im Zentrum dieser Biografie steht nicht allein Sophie, sondern auch die Familie und Freunde als kraftspendende Gemeinschaft. Gleichwohl gelingt es der verständnisvollen Mutter und dem regimekritischen Vater nicht, ihre Kinder von der Hitlerjugend fernzuhalten. Im Gegenteil: Ihre älteren Geschwister Inge und Hans, später auch sie selbst, schließen sich dem Jugend-Verband mit Begeisterung und Hingabe an, bewähren sich als BDM-Führerinnen und HJ-Führer.

Die zeitweilige Abkehr der Kinder von der "autarken Familien-Insel" erklärt sich die Autorin mit der Dynamik, der Ausstrahlungskraft der "neuen Zeit", die auch "berühmte Zeitgenossen und erfahrene Erwachsene" anfangs in ihren Bann gezogen habe. Stärker als dieses eher pauschale Argument überzeugen die Parallelen, die Beuys zwischen den Erziehungszielen der Nationalsozialisten und Sophies protestantischem Elternhauses entdeckt. Einsatzbereitschaft für andere, Treue, Geistesgegenwart und Entschlossenheit galten auch im Hause Scholl als Tugenden, wenngleich unter christlichem Vorzeichen. Dass die pubertierenden Jugendlichen angesichts der hitlerfreundlichen Haltung der offiziellen Kirche und durch falsche Versprechungen getäuscht wurden, scheint plausibel.

Wieso bei Inge, Hans und Sophie die Zweifel am System erst relativ spät keimten, bleibt auch für die Biografin ein Rätsel. Allerdings weiß Beuys die lange Zeit unkritische Haltung der Geschwister Scholl zum Nationalsozialismus überzeugend zu dokumentieren. Keineswegs bildete, wie vielfach behauptet, die Verkündung der "Nürnberger Rassegesetze" im September 1935 ihre langsame Abkehr vom Nationalsozialismus. Obgleich sie wegen persönlicher Differenzen im BDM keine Leitungsfunktion mehr ausübte, ihr Vater sich 1937 wegen staatsfeindlicher Äußerungen vor der Gestapo verantworten musste, die Novemberpogrome 1938 auch in ihrer Heimatstadt Ulm brutale Spuren hinterließ, distanziert sie sich noch nicht klar vom Regime. Mit Ausbruch des Krieges setzte bei der nunmehr 18-jährigen Sophie und ihren Geschwistern jedoch ein emotionaler wie intellektueller Klärungsprozess ein.

Anhand bereits publizierter und Hunderten von bislang unbekannten Briefen zeichnet die ehemalige "Zeit"-Redakteurin nach, wie Sophie um geistige Klarheit und den wahren Glauben gerungen hat. Die junge Frau suchte Antworten in christlich inspirierten Gesprächen mit Gleichgesinnten, Kraft und Zuversicht in Literatur, Musik, Kunst und der Natur, um der "braunen Flut zu widerstehen". Noch äußerte sich ihre Gegnerschaft "nur" als "geistige Gegenwehr". Obgleich ihre Gedanken sich immer radikaler gegen Hitlers Krieg richteten, zeigte sie bis zu Beginn ihres Biologiestudiums an der Münchener Universität im Sommer 1942 kaum widerständisches Handeln. Sie profitierte sogar von Hitlers Eroberungszügen, weil sie sich von ihrem Bruder Hans und ihrem Freund Fritz Hartnagel aus den besetzten Gebieten Kaffee und Schokolade, Wolle und Schuhe mitbringen ließ.

Wehrhafte Haltung

Solche Widersprüche nicht zu beschönigen, spricht für die Ausgewogenheit der Biografie. In Relation zu ihrer wehrhaften Haltung während der Flugblattaktionen und des Verhörs bei der Gestapo mögen diese Schatten zwar schnell verblassen. Für eine historisch exakte und moralisch gerechte Würdigung ihrer Persönlichkeit und ihrer Motive müssen sie aber sichtbar gemacht werden. Deswegen beleuchtet Beuys Sophies Rolle bei der Formulierung und Verbreitung der Flugblätter auch sehr genau. Sie erahnt Sophies Mitautorenschaft aber mehr, als dass sie ihren individuellen Anteil an den Texten nachweisen kann. Auch Beuys muss einräumen, dass sich die sonst so diskussionsfreudige Studentin bei den Gesprächen über die geplanten Aktionen kaum zu Wort meldete. An ihrem Mut zur Tat und ihrer "geraden Haltung" kann indes kein Zweifel bestehen.

Das psychologisch einfühlsame Porträt macht erstmals deutlich, wie die junge Frau in den Fängen ihrer Feinde zu dieser inneren Festigkeit gelangen konnte und für ihre Überzeugung zu sterben bereit war. Das mag auch der Grund sein, wieso Sophie Scholl bei der Nachwelt solch ein großes Interesse weckt. Beuys Biografie befriedigt dieses Bedürfnis, indem sie Sophies Stärken und Schwächen gegeneinander abwägt und damit ihr Werden und Wirken verständlich macht.

Barbara Beuys:

Sophie Scholl.

Hanser Verlag, München 2010; 496 S., 24,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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