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Susanne Kailitz
Selbstgerechte Abrechnung

FINANZKRISE Heide Simonis kritisiert Manger und Banker

Es gibt Bücher, die helfen einem, die Welt oder wenigstens einzelne Sachverhalte besser zu verstehen. Andere tragen weniger zur Erkenntnis bei, sind aber unterhaltsam. Und wieder andere lassen den Leser mit der Frage zurück, warum sie geschrieben wurden. Ein Buch der dritten Kategorie hat die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) gerade vorgelegt. "Abgezockt. Warum die Karten von Markt und Staat neu gemischt werden müssen" heißt ihr Werk und im Vorwort hält Simonis fest, was da auf den kommenden 150 Seiten folgen soll: die "profilierte Bestandsaufnahme einer Krise und pointierte politische Kritik", das sei der "rote Faden, der die Szenen miteinander verbindet und so erkennbar macht, was zu scheiden ist und was entschieden werden muss".

Es ist beruhigend, dass Simonis selbst einräumt, im Grunde nur knappe zwei- oder dreiseitige Szenen aneinander zu reihen. Dennoch stellt sich schnell die Frage, was es bringen soll, einzelne Ereignisse der Finanzkrise mit allgemeinen Betrachtungen über die amerikanische Konsumentenmentalität, der Bespitzelungs-Affäre der Deutschen Bahn, dem Wahlkampf von Sarah Palin und einem Schmiergeldskandal beim Handballverein THW Kiel zu verknüpfen. Wer die Ereignisse der vergangenen beiden Jahre auch nur vage verfolgt hat, wird inzwischen wissen, dass der Untergang der Investmentbank Lehman Brothers und die Finanzprobleme des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) dramatische Folgen für die internationale wie die deutsche Wirtschaft hatten. Und dass es einer besseren Regulierung des Finanzwesens und der Wirtschaft bedarf, dürfte sich mitlerweile bis an Grundschulen herumgesprochen haben.

Alleinschuld am Desaster

Doch das eigentliche Problem an "Verzockt" ist nicht, dass Analyse und konkrete Handlungsempfehlungen fehlen, sondern Simonis' Selbstgerechtigkeit. Der eigentliche rote Faden ihres Buches ist das unausgesprochene "War mir ja längst klar" der Autorin und die klare Zuweisung der Alleinschuld am Desaster an Manager und Banker. "Junge Schnösel, deren prüfende Blicke den Hartz IV-Empfänger und die allein erziehende Mutter zum ,Outcast' machen" seien das gewesen. Und "unsere Super-Manager" mit den maßgeschneiderten Anzügen und einem "Schwindel erregenden Jahreseinkommen" scherten sich nicht um die Sorgen und Nöte ihrer Mitarbeiter, alles an ihnen "atmet Geld". Außerdem könnten sie Frauen generell nicht leiden. Das alles ist eine irritierende Mischung aus altbekannten Plattitüden und zusammenhangloser Pauschalkritik, die umso unangenehmer ins Auge fällt, je deutlicher wird, dass Simonis ihre eigene Rolle als politisch Beteiligte komplett unter den Tisch fallen lässt.

Der HSH Nordbank, die 2003 als Fusion zweiter Landesbanken gegründet wurde und die 2008 mit milliardenschweren Finanzspritzen und Bürgschaften vor dem Kollaps gerettet werden musste, gehörte sie immerhin als Aufsichtsratsvorsitzende an und entschied so über deren Ausrichtung mit. In einem Interview hatte Simonis im vergangenen Jahr noch eingeräumt: "Wir waren damals alle mehr oder minder besoffen von der Idee, dass die HSH Nordbank als Global Player immer satte Gewinne einfährt."

Fehlende Selbstkritik

Von so viel Selbstkritik ist sie in ihrem Buch weit entfernt: Darauf, wie es passieren konnte, dass aus einer Regionalbank eine Zockerbude werden konnte, die 2,8 Milliarden Euro Verluste einfuhr, geht sie nicht ein. Die Geschichte der Bank beginnt in Simonis' Buch erst lange nach dem Ende ihrer politischen Karriere, als die Katastrophe schon längst nicht mehr aufzuhalten ist. Dabei wäre gerade die Vorgeschichte interessant, weil sie nachvollziehbarer machen könnte, wie und warum sich so viele Menschen, die es hätten besser wissen müssen, in undurchsichtige Geschäfte mit Risikopapieren verstricken ließen und nicht mehr fragten, wie die wundersamen Renditeversprechen sich denn jemals erfüllen sollten.

Auch die Volkswirtin Simonis hat offenbar nicht nachgefragt und findet auch im zeitlichen Abstand nicht zu einer kritischen Bewertung des eigenen Handelns. Nur was die anderen falsch gemacht haben, wird deutlich benannt: Süffisant bilanziert Simonis die Rettung der HRE: "Was systemrelevant ist, ist durch Machteliten definiert, wird geschützt und strukturbewahrend gerettet. Dass in dieser Bank - und nicht nur in dieser - Fehler am laufenden Band gemacht worden waren, alles vergeben und vergessen: Es handelt sich ja um eine systemrelevante Bank." Dass auch "ihre" HSH nur mit Staatsgeld gerettet werden konnte - tja. Wie es dazu kommen konnte, darüber verliert Simonis kein Wort, wohl aber viele über das schlechte Krisenmanagement der Nachfolgerregierung.

Simonis kritisiert, dass niemand sich getraut habe, das Kauderwelsch der beschwichtigenden Banker zu hinterfragen - ob sie sich selbst einmal hat erklären lassen, was es mit dem in ihrer Amtszeit geplanten Kreditportfolio-Managementsystem auf sich hatte, bleibt offen. Dafür spricht sich Simonis in ihren abschließenden Überlegungen zu den Lehren aus der Finanzkrise für die Re-Regulierung der Wirtschaft aus und führt die Ideen dreier "professoraler Querdenker" an. Was Eigenes ist auch dabei: "Die Beschränkung der Märkte und des privaten Geldes ist nötig für die Wiederbelebung der Demokratie und für die Annäherung an soziale Gerechtigkeit bei uns und weltweit." Na dann.

Heide Simonis:

Verzockt! Warum die Karten von Markt und Staat neu gemischt werden müssen.

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010; 160 S., 17,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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