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Christoph Birnbaum
Bratkartoffeln mit Spiegelei

Biografie Eine unkritische Hommage an Helmut Kohl

Braucht es eine weitere Biografie über Helmut Kohl? Wer die Liste der bisher veröffentlichen Publikationen über den Altkanzler liest und sich die tausenden von Seiten vorstellt, wird dies sicherlich verneinen. Doch das publizistische Geschäft verläuft nach anderen Kriterien. Und da steht der 80. Geburtstag des Altkanzlers am 3. April an. Das macht Neuerscheinungen nötig. Heribert Schwan, bewährter Biograf von Lothar Späth, Roman Herzog, Johannes Rau über Richard von Weizsäcker bis eben hin zu Helmut Kohl - über ihn hat der gleiche Autor bereits 1985 eine erste Biografie geschrieben - hat sich an diese Aufgabe gemacht. Ko-Autor, ebenfalls nicht zum ersten Mal, ist der heute in Bozen lehrenden Historiker Rolf Steininger.

Das bewährte Autorenduo - Steininger publiziert seit fast 40 Jahren unermüdlich Bücher zur Geschichte der Bundesrepublik - steht dabei vor allem für eins: gut lesbaren, populärwissenschaftlichen Stil. Das zeichnet alle ihre Bücher und übrigen publizistischen Projekte aus. Und das gilt ganz besonders für diese Biografie. Wer immer sich für den Altkanzler interessiert, ihn vielleicht sogar verehrt, wird mit diesem Buch gut aufgehoben sein. Wer aber nach Neuem, vielleicht sogar Kritischem sucht, wird bei Schwan und Steininger nicht fündig. Auch wenn dies im Vorwort und vor allem auf dem Einband des Buches mehr als vollmundig behauptet wird, die Biografie basiere auf umfangreichem und aktuellem Datenmaterial. Dass Kohl und Ronald Reagan sich bei einem Imbiss im Kanzleramt mit Bratkartoffeln und Spiegeleiern näher kamen ist ein amüsantes Detail, aber es bringt den zeitgeschichtlich Interessierten auch nicht wirklich weiter.

Das Versprechen, Neues über die Doppelstrategie Francois Mitterands bei der deutschen Einheit zu beschreiben, wird dabei genauso wenig eingelöst, wie die Ankündigung, weitere Details über die tiefgehende Abneigung Margaret Thatchers zu liefern. Gerade hier weiß ein aufmerksamer Zeitungsleser mehr, als die Autoren schildern, denn das, was Schwan und Steininger hier bieten, ist bereits früher an anderer Stelle detaillierter zu lesen gewesen.

Verstimmung in Moskau

Nur ab und zu blitzen einige interessante Details auf, etwa dann, wenn der damalige russische Außenminister Eduard Schewardnadse mit dem Satz als Reaktion auf das "Zehn-Punkte-Programm" Kohls zur deutschen Einheit zitiert wird: "Selbst Hitler hat sich so etwas nicht geleistet." Und der Kreml-Chef Gorbatschow ärgerte sich: "Kanzler Kohl behandelt die Bürger der DDR schon so wie seine Untertanen. Das ist ganz einfach offener Revanchismus."

Im Gegensatz dazu gehen die Autoren beispielsweise über die Parteispendenaffäre, neben der Einheit sicherlich ein ganz wesentliches Ereignis in der Kanzlerbiografie und der Vita des Parteivorsitzenden Helmut Kohls, mehr als gnädig hinweg. Gerade aber hier hätte eine genaue Analyse der Beweggründe für Kohls Verhalten vor und nach der Affäre viel über den "Virtuosen der Macht" - so der Untertitel des Buches - und sein Verhältnis zu eben jener Macht, dem Staat und der eigenen Partei verraten.

Die beiden Autoren sind dem Kanzler der Einheit mehr als gewogen. Man merkt dem Buch leider an, dass hier eine professionelle Biografie-Schreibwerkstatt eines durchaus erfolgreichen Autorenduos tätig war, die sich in den zurückliegenden Jahren sukzessive die Protagonisten der Bonner Republik für ihre Politikerporträts vorgenommen haben. Verlegerisch macht dies sicherlich Sinn, auf der Strecke bleibt dabei aber eine ernsthafte und abgewogene Auseinandersetzung mit dem Porträtierten.

Reformstau

So überwiegt in diesem Buch denn auch eindeutig der Kanzler, der Deutschland und auch Europa zusammenführte. Ihm wird fast die Hälfte des gesamten Buches gewidmet. Auf der Strecke bleibt dabei - neben dem bekannten biografischen Abriss - eine Darstellung des Kanzlers der christlich-liberalen Koalition, die sich bis zu den Umwälzungen in Osteuropa in einem innenpolitischen Reformstau festgefressen hatte. Denn das wird ja auch heute immer sichtbarer im Blick auf die Kohl-Zeit: Die Klagen über die Unfähigkeit der Politik, die sozialen Sicherungssysteme und das Steuer- und Finanzsystem nachhaltig zu verändern, haben ihre Wurzeln in eben jener langen Zeit der Stagnation, die ganz besonders auch mit dem Namen Helmut Kohl verbunden ist.

Für Schwan und Steininger ist dieser Umstand keine Erwähnung wert. Im Gegenteil: Der Parteipolitiker Helmut Kohl wird glorifiziert, der - wie oft hat man dies nicht schon gelesen - mit dem Telefon aus dem Bundeskanzleramt die CDU hinter sich vereinte und auf diese Art alle innerparteilichen Putschversuche und natürlich seine langjährigen Auseinandersetzungen mit CSU-Chef Franz-Josef Strauß überstand.

Das Buch basiert dabei im wesentlichen auf einem 16-stündigen Interview mit dem Altkanzler kurz vor seinem schweren Unfall im Jahr 2008. Und oftmals meint man, ihn denn auch im Originalton zwischen den Zeilen herauszuhören, obwohl die Autoren ihn nie direkt zitieren. Vielleicht, so mutmaßen Schwan und Steininger, werde der Kanzler nach seinem Sturz auch nie wieder in der Lage sein, öffentlich eine Rede zu halten oder Interviews zu geben.

Insgesamt zeichnet sich das Buch zwar durch Lesbarkeit aus, aber nicht durch ein abgewognes Urteil. So ist diese Biografie genau das, was sie verlegerisch wahrscheinlich auch sein sollte: Ein Geburtstagsgeschenk an den Altkanzler. C

Heribert Schwan, Rolf Steininger:

Helmut Kohl. Virtuose der Macht.

Artemis & Winckler, Mannheim 2010; 333 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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