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Alva Gehrmann
Die Selbstentdeckung eines Revolutionärs

ISLAND Einar Már Gudmundsson fordert Konsequenzen nach dem Crash des Bankensektors

Für Cover von Island-Büchern scheint es eine Regel zu geben: Entweder müssen dort putzige Papageientaucher, wilde Islandpferde oder spektakuläre Naturkulissen abgebildet sein. Das gilt selbst für Krisenbücher, wie dem im Hanser Verlag veröffentlichten Werk von Einar Már Gudmundsson mit dem apokalyptischen Titel "Wie man ein Land in den Abgrund führt - Die Geschichte von Islands Ruin". Der Eiband zeigt teilweise durch Nebelschwaden verdeckte Badende in der Blauen Lagune. Was soll das suggerieren? Dass Island Baden gegangen ist? Wenn ja, wäre das platt. In Island selbst ist das Cover schlicht weiß, passend zum Originaltitel "Hvíta bókin", also "Das Weißbuch". Gudmundsson spielt hier mit der Bezeichnung des White Paper, wie offizielle Regierungspapiere auch genannt werden, die sich nach seiner Ansicht immer auf schwierige Themen beziehen. Die Finanzkrise seiner Heimat ist so ein schwieriges Thema, sie hat Island zu einer "Art Versuchslabor für die Weltwirtschaftskrise" gemacht. Und so schaut alle Welt auf diese Insel im Nordatlantik und fragt sich, wie ein vermeintlich reiches Land plötzlich so abstürzen konnte.

Geschichte des Ruins

Gudmundssons Geschichte über den Ruin ist ein 208-seitiger Wutausbruch, ein Pamphlet. Der 55-Jährige ist einer der bekanntesten Schriftsteller im Lande, man hört zu, wenn er spricht. Bei den Demonstrationen nach dem Crash im Herbst 2008, als fast der gesamte isländische Bankensektor zerfiel, hielt er viele Reden, trug Gedichte vor. Sie sind im Buch ebenso zitiert wie in der Zeitung "Morgunbladid" veröffentlichte Essays.

Manche nennen Gudmundsson den "Autor der Revolution", das "Sprachrohr der Nation". Und zumindest die Wut vieler fasst er treffend zusammen: "Die Regierung hat russisches Roulette gespielt und das ganze Land hat verloren." Für den Autor begann die Krise mit der Liberalisierung der Banken, als die Politiker den Reichtum ihres Volkes verschenkten. Die Banken wuchsen ins Unermessliche, überall hörte man von den Expansions-Wikingern, die mit hohen Renditen Anleger anlockten.

Noch immer streitet sich Island mit Großbritannien und den Niederlanden über die Rückzahlungsmodalitäten der Schulden von den sogenannten Icesave-Konten. Sie belaufen sich auf eine Summe von 3,8 Milliarden Euro und sollen nun vom Staat zurück bezahlt werden. Gudmundsson fordert, "das Eigentum der auf unsere Kosten reich Gewordenen unverzüglich einzufrieren und sie zur Verantwortung zu ziehen". Und schreibt weiter: "Aber statt dessen wird ihr Verlust verstaatlicht und das System aufgefordert, eine Untersuchung gegen sich selbst einzuleiten. Franz Kafka erscheint in einer solchen Welt wie ein Realist."

Interessant ist das Buch dort, wo die familiären und korrupten Verflechtungen der Wirtschaft und Politik in der kleinen Gesellschaft mit seinen 320.000 Einwohnern geschildert werden; und man vom Gebaren der "Finanzbarone" erfährt, die in ihren Privatjets um die Welt reisten und auf deren Partys Elton John oder 50 Cent performten. Meist bleibt Gudmundssons Botschaft jedoch zu einseitig: Die Banker und fast alle Politiker sind korrupt und schlecht, die Bürger gut und ehrenhaft! Sicher, das Buch ist eine Polemik, es darf einseitig sein, doch manchmal würde man gerne auch mal die Gegenseite hören.

Plötzliche Wandlung

In Island ist das Weißbuch ein Bestseller. Einige Isländer sind allerdings auch über das plötzliche Engagement des Schriftstellers verwundert. Denn Gudmundsson war lange Zeit absolut unpolitisch, kritisierte im Gegensatz zu anderen Intellektuellen nie die Regierung Davíd Oddsons, die die Privatisierung vorantrieb und so die Grundlage für die jetzige Krise legte. Vielleicht hat die Katastrophe Einar Már Gudmundsson wachgerüttelt, und wieder an seine Anfänge erinnert, als er noch Punker und radikaler Linker war. Das Buch ist so auch die Selbstentdeckung eines Revolutionärs.

Einar Már Gudmundsson:

Wie man ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin.

Carl Hanser Verlag, München 2010; 208 S., 16,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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