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Shimon Peres
Mr. Sicherheit

Biografie Tamar Amar-Dahl beschreibt Shimon Peres in ihrem Porträt als den »Wiedergänger der israelischen Politik«

Israels Staatspräsident Shimon Peres ist in Deutschland ein gern gesehener Gast. Erst vor wenigen Wochen hielt der 86-jährige Politiker im Deutschen Bundestag zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede. Dass einige Abgeordnete der Linksfraktion am Ende seiner Ansprache nicht wie alle anderen Parlamentarier zum Applaus aufstanden, sondern aus Protest sitzen blieben, galt als nicht angemessen und stieß auf heftige Kritik - selbst in den eigenen Reihen. In der deutschen Öffentlichkeit wird Peres vor allem als Mann des Ausgleichs und des Friedens wahrgenommen. Vor seinem Besuch in Berlin lobten ihn Kommentatoren als "Visionär einer Friedenslösung in Nahost". 1994 hatte der Politiker, der seit Jahrzehnten in verschiedenen Regierungsämtern die politische Bühne in Israel prägt, den Friedensnobelpreis erhalten.

Gerade weil das Image von Peres in Deutschland so positiv ist, empfiehlt sich die Lektüre einer neuen, bemerkenswerten Biografie, die im Schöningh Verlag erschienen ist. "Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist" lautet der harmlos anmutende Titel einer Dissertation der israelischen Historikerin Tamar Amar-Dahl, die seit 1996 in Deutschland lebt. Sie unternimmt das Wagnis, ein intellektuelles Gesinnungsprofil des Politikers zu entwerfen. Sie ist seiner "Rätselhaftigkeit" auf der Spur und versucht sich sehr überzeugend an deren wissenschaftlicher Auflösung. Entstanden ist dabei ein 464-seitiges Werk, das sich mit einiger Anstrengung liest, aber in seiner bestechenden Argumentation mit interessanten Erkenntnissen zu fesseln vermag.

Paradox einer Karriere

Dabei gelingt Amar-Dahl bereits in der Einleitung eine glänzende Charakterisierung, wenn sie beispielsweise schreibt: "Peres ist zwar ständig im politischen Leben präsent, sein eigentlicher politischer Beitrag bleibt jedoch weitgehend verborgen." Während er im Ausland als geschätzter Politiker gilt, war er im eigenen Land immer umstritten, wenn nicht sogar unpopulär. So heißt es in dem Buch: "Peres politische Schwäche kommt regelmäßig am Wahltag zum Vorschein. Darin liegt ein Paradox von Peres politischer Karriere: Der ,ewige Politiker' bewegt sich de facto seit 1953 auf der politische Bühne Israels, ohne vom Volk direkt gewählt zu werden." Die Autorin wertet dies als traumatische Erfahrung für Peres. Seine Wahl zum Staatspräsidenten 2007 könne deshalb als Krönung seiner politischen Lebensgeschichte gelten.

Sehr detailliert schildert Amar Dahl den Aufstieg des 1923 im jüdischen Schtetl Wischnewa im damaligen Polen geborenen Shimon Persky, der mit seinem Bruder und seiner Mutter nach Palästina 1935 auswanderte. Er wird zunächst in der gewerkschaftlichen Jugendbewegung aktiv. Zwar gilt er bald als "Mr. Sicherheit" der Untergrundorganisation "Hagana", kämpft aber im Unabhängigkeitskrieg nicht an der Front. "Dies sollte ihm sein ganzes politisches Leben anhaften. Später sagen seine Freunde, dass Peres fehlende Kampferfahrung dafür verantwortlich sei, dass er nie eine ,wahre' israelische Identität ausgebildet habe", schreibt die Biografin. Dennoch sei Peres als rechte Hand des Staatschefs und Verteidigungsministers Ben-Gurion maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Verteidigungsministerium bis heute einen weitreichenden politischen Einfluss in Israel habe.

Es sind vor allem diese widersprüchlichen Seiten von Peres Persönlichkeit, denen das Buch sich dezidiert widmet. Dabei geht die Autorin ausführlich auf die zionistische Weltsicht des Politikers ein, die nicht nur eine vormoderne Nationalismus-Auffassung beinhalte, sondern seit Jahrzehnten dazu führe, dass die "arabischen Einheimischen Palästinas" völlig ausgeblendet würden. Die Auseinandersetzung mit dem Zionismus-Begriff dürfte in dieser Breite nur ein ausgewiesenes Fachpublikum interessieren - anderseits verdeutlicht gerade dieser Abschnitt dem deutschen Leser, dass die hiesige Debatte über Israel die wichtige Dimension des Zionismus als nationalistischer Ideologie Israels zu Unrecht meist auslässt.

Das Buch lässt auch keinen Zweifel an Peres Schlüsselrolle bei der atomaren Aufrüstung Israels. Eigene Kapitel widmen sich seinem Verständnis von politischen Schlüsselfragen wie Demokratie, Krieg und Frieden, der Bedeutung des Militärs und den arabischen Nachbarn. Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, dass Peres Drang, ein politisches Amt auszuüben, seine gesamte Laufbahn durchzieht. Oppositionsarbeit war seine Sache nie. Überzeugter Sozialist war der langjährige Vorsitzende der Arbeitspartei ebenfalls nicht.

Rolle im Oslo-Prozess

Amar-Dahl zitiert immer wieder aus den drei maßgeblichen Biografien über Peres, verweist aber darauf, dass alle Verfasser aus dem gleichen linkszionistischen Lager wie Peres stammten und dessen Grundüberzeugungen, vor allem sein Sicherheitsdenken, teilten - offenbar anders als sie selbst. Ihr Anliegen ist es vielmehr, wissenschaftlich zu begründen, dass Peres Anhänger eines Sicherheitsdenkens ist, das einer säkularen Religion gleichkommt und sich vor allem auf die Bewahrung des jüdischen Staates ausrichtet. Nach Darstellung der Historikerin ist Peres keinesfalls ein Friedenspolitiker, was sich vor allem im Oslo-Prozess offenbart habe, als er die Chancen für einen Frieden mit den Palästinensern ungenutzt verstreichen ließ. "Hätte er an das Zweistaatenkonzept wirklich geglaubt, so hätte er diese Chance ergreifen müssen", moniert Amar-Dahl. Dass Peres nicht zugreift, begründet sie damit, dass er nicht an die politische Realisierbarkeit des Friedens glaube. "Die Friedensideologie, die besagt, dass Israel friedenswillig sei und ,die Araber' als solche seine Existenz gefährdeten, spielt hier eine zentrale Rolle: Sie dient als Schleier zur Durchsetzung eigener Interessen, die Peres als nationalstaatliche bzw. sicherheitspolitische und daher unverzichtbare Interessen begreift", argumentiert Amar-Dahl überzeugend.

Prägendes Denken

Das Buch erzählt nur wenig über den Menschen Peres abseits der Politik. Es finden sich darin keine Anekdoten aus seinem Leben. Der Privatmann spielt keine Rolle, denn die Autorin verfolgt mit ihrer wissenschaftlichen Betrachtung dieses langen Politikerlebens andere Absichten. Wer sich dieser Lektüre aussetzt, begegnet nicht nur dem politischen Psychogramm eines der letzten Gründerväter des israelischen Nationalstaates 1948, sondern das Buch weist über die reine Biografie von Peres weit hinaus. Es gelingt der Autorin, in der Schilderung dieses "Wiedergängers der israelischen Politik" ideologische Grundmuster seines Denkens freizulegen, die nicht nur für seine Generation typisch sind, sondern heute Israels Gesellschaft maßgeblich politisch prägen: "Peres sicherheitspolitisches Denken bietet einen Schlüssel zum Verständnis des spezifischen Militarismus Israels."

Diese Stärke des Buches ist aber zugleich auch dessen Schwäche. Amar-Dahl beschränkt sich in ihrem ungewöhnlichen Ansatz einer mentalitätsgeschichtlichen Biografie zu stark auf Quellen, die helfen, ihre Thesen zu untermauern. So zitiert sie zwar aus Peres unzähligen Artikeln und Büchern, aus früheren Biografien, Interviews und anderen Sekundärwerken, dennoch wirkt die Quellenauswahl zu stark beschränkt. So wird Peres gesamtes politisches Umfeld ebenso ausgeblendet wie die Veränderungen der Stimmungslage in der israelischen Gesellschaft. Die Historikerin konzentriert sich zudem bei ihrer Darstellung zu stark auf die Innenpolitik Israels und den Konflikt mit den Palästinensern, vernachlässigt aber weitgehend die internationale Dimension des Nahost-Konflikts. Dabei spielte Peres darin über Jahrzehnte eine zentrale Rolle. Allein mit Blick auf den Oslo-Prozess widmet sie sich seiner Rolle im außenpolitischen Kräftespiel. So bleibt die Schlüsselfrage ihrer Arbeit eigentlich unbeantwortet: Warum Peres im Ausland als großer Friedensstifter gilt, während die eigene Bevölkerung ihm wenig Vertrauen schenkt? Auch zeigt sich, dass eine Biografie noch lebender Politiker vor dem Dilemma steht, dass die Geschichte weitergeht.

Das Buch von Amar-Dahl endet mit Peres Wechsel in die Kadima-Partei 2005 und seiner Wahl zum Staatsoberhaupt 2007. Sie geht deshalb nicht mehr darauf ein, wie sich der Präsident nun unter der Netanjahu-Regierung positioniert. Auch der Übergang der Bush-Ära in die neue Amtszeit von US-Präsident Barack Obama kommt in der Arbeit nicht mehr vor. Schon deshalb bleibt nach der Lektüre dieser imposanten Fleißarbeit nicht das Gefühl zurück, ein abgerundetes Werk gelesen zu haben.

Tamar Amar-Dahl:

Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist.

Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010; 464 S., 39,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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