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Alexander Weinlein
»Vor die Wand gefahren«

Wehrbeauftragter Robbe lässt seinem Ärger freien Lauf

Das waren selbst für Reinhold Robbe extrem kritische Töne. Generaloberst Kurt-Bernhard Nakath, Inspekteur der Sanitätstruppen der Bundeswehr, habe er "ein klares Versagen in seinem Verantwortungsbereich vorzuwerfen", schimpfte der Wehrbeauftragte während der Präsentation seines Jahresberichts 2009 am 16. März vor in Berlin. "Es gebe nicht wenige Experten der Bundeswehr, die ganz offen davon sprechen, dass dieser Inspekteur die Sanität regelrecht vor die Wand gefahren habe." So offenherzig hat noch kein Wehrbeauftragter einen führenden Offizier der Bundeswehr kritisiert.

Der Unmut Robbes entzündete sich an der Tatsache, dass sich trotz seiner wiederholten Mahnungen die truppenärztliche Versorgung der Streitkräfte in den vergangenen Jahren zunehmend verschlechtert hat. Nach Angaben Robbes fehlen der Bundeswehr derzeit 600 Ärzte. Damit wäre jeder fünfte der 3.000 Dienstposten für Mediziner unbesetzt. Es fehle vor allem an Rettungsmedizinern, Chirurgen, Anästhesisten und Psychiatern. Aber auch bei Augen- und Zahnärzten herrsche ein akuter Engpass.

Traumatisierte Soldaten

Besonders gravierende Folgen des Ärztemangels benennt der Wehrbericht bei der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die bei Soldaten während und nach Auslandseinsätzen verstärkt aufreten. So sei im vergangenen Jahr bei 466 Soldaten PTBS diagnostiziert worden - bei fast doppelt so vielen wie im Jahr 2008. Zudem befürchtet Robbe, dass die Dunkelziffer psychisch erkrankter Soldaten deutlich höher sein könnte. Denn nach wie vor würden psychische Erkrankungen in der Truppe als stigmatisierend empfunden und aus Angst vor persönlichen Nachteilen nicht offenbart.

Annähernd 90 Prozent aller PTBS-Fälle entfallen laut Wehrbericht auf Soldaten des deutschen Isaf-Kontingentes in Afghanistan. Dort stünde den 4.500 Soldaten gerade mal ein Psychiater zur Verfügung. Die Bundeswehr, so resümiert Robbe, sei auch 17 Jahre nach Beginn der Auslandseinsätze noch nicht ausreichend gerüstet für die Behandlung traumatisierter Soldaten.

Weitere Defizite sieht der Wehrbeauftragte, bei dem im vergangenen Jahr 5.779 Eingaben aus der 250.000 Soldaten starken Bundeswehr eingingen, bei der Vereinbarkeit von Dienst und Familie sowie bei der Ausrüstung und der Personalplanung.

Wehrpflicht

Kritische Worte fand Robbe auch für die geplante Verkürzung des Wehrdienstes von neun auf sechs Monate. In den Streitkräften reagiere man mit Skepsis und Verunsicherung. Nicht selten höre er von Soldaten die Auffassung, "wenn kein inhaltlich sinnvolles Konzept für die verkürzte Wehrpflicht vorgelegt werde, solle die derzeitige Koalition die Wehrpflicht doch liebere gleich abschaffen". Robbe, der als Jugendlicher selbst den Wehrdienst verweigert hatte, bezeichnet sich heute selbst als "bekennenden Anhänger der Wehrpflicht".

Nach fünf Jahren endet Reinhold Robbes Tätigkeit als Wehrbeauftragter am 11. Mai. Dem Sozialdemokraten wird vorbehaltlich seiner Wahl durch den Bundestag der FDP-Parlamentarier Hellmut Königshaus folgen. In der vergangenen Woche beendete Robbe alle Spekulationen über eine erneute Kandidatur. Oppositionspolitiker, aber auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), hatten sich für eine Wiederwahl Robbes ausgesprochen. Der FDP war allerdings im Koalitionsvertrag ein Vorschlagsrecht für das Amt zugesprochen worden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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