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Gabriele Köhler
Vetternwirtschaft und Inzestverbot

Ethnologie Christoph Antweiler auf der Suche nach den Universalien der Menschheit

Schon die ersten Ethnologen interessierten sich für Universalien, aber diese Perspektive war im Fach immer stark unterbelichtet. Ethnologen sind nach wie vor stark auf Differenz fixiert", kritisiert Christoph Antweiler, Ethnologieprofessor in Bonn, jene Fraktion seiner Zunft, die mehr die Unterschiede statt die Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen betont. Das Fremde hat seinen Reiz nicht verloren, die Exotik fasziniert. In der Ethnologie prallen die gegensätzlichen Auffassungen zwischen den Kulturrelativisten und den Universalisten scheinbar unversöhnlich aufeinander. Ob die Sicht auf die kulturelle Vielfalt unsere (Selbst-)Erkenntnis fördert oder ob die über die Suche nach den Gemeinsamkeiten zwischen allen Völkern und Kulturen mehr zu erfahren ist, das werden Laien nicht entscheiden wollen.

Reiseberichte von fernen Ländern und Kulturen haben spätestens seit Alexander von Humboldt den Reiz, uns das Fremde nahe zu bringen, über die Sicht auf das Fremde den Blick auf das Eigene zu schärfen. Wenn immer klarer wird, dass die Menschen auf diesem einen Planeten ein gemeinsames Los teilen, kommt auch immer mehr in den Blick, dass sie sich auch eigentlich nicht sehr unterscheiden. Ebenso oft erfährt aber auch die These vom Kampf der Kulturen ("Clash of Civilizations" von Samuel Huntington, 1993) immer wieder Aufmerksamkeit.

2007 hat Christoph Antweiler ein wissenschaftliches Einführungswerk in die Ethnologie mit dem Titel: "Was ist den Menschen gemeinsam?" veröffentlicht. Sein neues Buch "Heimat Mensch" ist ein populärwissenschaftliches Extrakt daraus, "in dem kulturelle Vielfalt und Universalien zusammengebracht und anhand von Beispielen konkret gemacht werden".

Das Bild vom Völkerkundler mit Tropenhelm und Fotoapparat, der ferne Kulturen besucht und deren Unterschiede dokumentiert, ist ein Mythos. In "Heimat Mensch" gibt Antweiler Einblicke in die aktuelle Forschungsarbeit von Ethnologen und will zeigen, "was uns alle verbindet", wie der Untertitel verrät. Seine These: "Wir sind eine Menschheit (biologisch), und wir leben in einer Welt (kulturell)." Anekdoten aus der ethnologischen Forschung, eine gut verständliche Sprache und ein Anhang mit kommentierten Literaturempfehlungen, ebenso wie zahlreiche Hinweise auf weiterführende Webseiten, machen dieses Buch zu einem guten Einstieg in die Thematik, auch für Laien. "Um der Popularisierung willen ist manches im Buch überzeichnet." So kommentiert Antweiler selbst eine Kritik in dem Blog "www.antropologi.info".

Die schöne Barbie

Antweiler beschreibt als Universalien Emotionen wie Ekel, Ärger und Trauer, Initiationsriten, Gastfreundschaft, Spiel und Sport, Vetternwirtschaft und Inzestverbot. Die "Barbie"-Puppe als ethnologisches Forschungsobjekt führt ihn zur Erkenntnis, dass ein symmetrisches Gesicht, eine glatte Haut, eine schmale Taille und glänzendes Haar in vielen Kulturen als schön angesehen werden, ganz unabhängig davon, dass "Barbie" mit ihren körperlichen Merkmalen in der Realität ein Pflegefall wäre. Allerdings sei die oft zitierte Erkenntnis über die Inuit-Sprache, die signifikant zahlreicheren Bezeichnungen für Schnee, lediglich ein Mythos. Auch dass die Hopi-Indianer eine andere Zeitvorstellung hätten wie wir, stimme nicht. Alle Menschen denken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, haben ähnliche Vorstellungen von Raum und Zeit, auch die Hopi. Überall gibt es die Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdgruppe. "Wir" und "die anderen", das bedeutet zumeist auch die Aufwertung der eigenen und die Abwertung anderer Gruppen, also Ethnozentrismus oder gar Rassismus.

Antweilers Buch hinterlässt aber auch Fragen: Können allgemeine Menschenrechte mit davon abweichenden kulturellen Traditionen vereinbar sein? Wie lässt sich der aktuell diskutierte Diversity-Ansatz einordnen? Alle Menschen werden Brüder? Oder sind sie es längst?

Christoph Antweiler:

Heimat Mensch. Was uns alle verbindet.

Murmann Verlag, Hamburg 2009; 267 S.,18 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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