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Hans-Joachim Föller
Fatale Folgen

Kommunismus David Priestland hat ein fundiertes Werk über Verführungskraft und Grenzen einer Ideologie vorgelegt

Seit dem Mauerfall vor 20 Jahren ist der traditionelle Kommunismus tot. Der in Oxford lehrende David Priestland begibt sich auf die Spurensuche nach einer politischen Idee, die unermessliches Leid verursachte. Gleichwohl verkörperte sie auch die Hoffnung auf eine bessere Welt. Offen ist noch immer, was die Faszination dieser Massenunterdrückungsideologie, die im Mantel des Wohltäters daher- kam, ausmachte und mitunter noch immer ausmacht. Das Phänomen Kommunismus nimmt der Historiker in einer geschichtlichen Gesamtschau in allen Erdteilen in den Blick. Er analysiert die ideengeschichtlichen Ursprünge und beschreibt ihre politischen Ausformungen - und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, Asien und Lateinamerika. Keinen Zweifel lässt Priestland daran, dass falsche Vorstellungen von der Politik und dem Wesen des Menschen Ursache für das spätere Scheitern waren. In gewisser Hinsicht ist das durchaus tragisch. Denn die gestürzten Regime waren einst angetreten, um dem Wohl der Armen und Unterdrückten zu dienen.

Aus diesem Grund war der dramatische und von den allermeisten Politikwissenschaftlern nicht vorhergesehene Sturz des Kommunismus im Jahr 1989 weit mehr als nur der Zusammenbruch eines Reiches: Er bildete das Ende eines 200-jährigen Zeitalters, in dem zuerst die europäische und dann die Weltpolitik von einer visionären Konzeption der modernen Gesellschaft geprägt worden war. Danach sollten die Elenden dieser Welt eine auf Harmonie und Gleichheit gegründete Gesellschaft schaffen.

Jakobinische Feuertaufe

Dem Siegeszug von Demokratie und Markwirtschaft folgten allerdings auch Niederlagen. Nicht zuletzt die Finanzkrise machte deutlich, dass es der neuen globalen Wirtschaftsordnung nicht gelungen war, einen dauerhaften und stabilen Wohlstand zu schaffen. Dies verschaffte auch Karl Marx' Kritik am schrankenlosen Kapitalverkehr erneut Aufmerksamkeit. Nicht nur in Deutschland nahmen die Verkaufszahlen seines Hauptwerks "Das Kapital" deutlich zu. Schon in der Vergangenheit hatten es viele Linke und ein Teil des linksliberalen Milieus vorgezogen, die kriminellen Taten auf dem Weg zu einem vermeintlichen Fortschritt nicht allzu genau zur Kenntnis zu nehmen. Dabei liegt das Verderben dieser Ideologie bereits in ihren Anfängen, in der Französischen Revolution.

Zu den vielen Vorzügen von Priestlands Werk gehört die Analyse dieses Problems und seiner Ursprünge: der Herrschaft der Jakobiner. Zwar verteilten sie weder das Eigentum um, noch bekämpften sie den Markt. Doch glaubten sie, wie später die Kommunisten, dass nur eine von Privilegien, Hierarchie und Zwietracht befreite Schar brüderlicher Staatsbürger eine starke Nation schaffen könne, die sowohl glücklich als auch würdevoll wäre und international eine Rolle spielen könnte. In mancher Hinsicht bildete der Jakobinismus also das Vorspiel des modernen kommunistichen Dramas, und in der jakobinischen Feuertaufe zeigten sich viele der elementaren Eigenschaften der kommunistischen Politik in grober, unvermischter Form. Davon ist der Historiker überzeugt.

Verfolgungen

Vorübergehend war der Politikansatz der Jakobiner durchaus erfolgreich. Doch traten bereits damals Spannungen auf, wie sie später in kommunistischen Regimen zu beobachten waren. Denn während sich die revolutionäre Elite bemühte einen funktionierenden Staat aufzubauen, kam es mit den radikaleren Massen häufig zu Konflikten. Später verlor der Jakobiner Robespierre seine Massenbasis. Fortsetzen wollte er die Revolution gleichwohl. Daher wandte er Methoden an, die später auch von den Kommunisten praktiziert wurden: die Verfolgung vermeintlicher "Konterrevolutionäre" und der Einsatz von Propaganda. Von den Ereignissen der Französischen Revolution zeigte sich wenige Jahrzehnte später ein junger deutscher Philosoph beeindruckt, auch wenn er nicht alles guthieß und aus ihrer blutigen Geschichte Lehren zog: Karl Marx. Er kritisierte die von den Jakobinern gewährte politische Gleichheit aller Staatsbürger als nicht ausreichend. In einer modernen Gesellschaft seien Gleichheit und Harmonie nur durch die volle wirtschaftliche Gleichheit zu erreichen. Die Jakobiner hätten die Bedeutung der ökonomischen Faktoren unterschätzt.

Marx und Lenin

Genau in dieser Umformung der französischen revolutionären Tradition liegt Marx´ Originalität begründet. Er entwickelte eine neue linke Ideologie, die ins Umfeld der sich industrialisierenden Gesellschaften des 19. Jahrhunderts mit ihrem Glauben an den technischen Fortschritt und ihrer immer größer werdenden Arbeiterklasse passte. Außerdem entsprach sie einem Zeitalter, in dem sich die sozialen Konflikte zwischen den Arbeitern und den vom Staat unterstützten Unternehmern verschärften.

Marx´ Ideen verbreiteten sich um die ganze Welt. Lenin entwickelte sie weiter, das Ergebnis war der Marxismus-Leninismus als Staatsdoktrin. Ziel war es, Modernität und Gleichheit miteinander in Einklang zu bringen. Besonders anziehend waren die politischen Leitlinien für Studenten und gebildete Eliten, die ihre Gesellschaften als "rückständig" betrachteten. Die kommunistische Ideologie verdankte ihren Erfolg aber auch der weltpolitischen Lage. Denn ohne das Chaos, das im Jahr 1917 in Russland herrschte und ohne die japanische Besetzung Chinas wären die beiden mächtigsten kommunistischen Staaten und Haupttriebfedern nicht entstanden.

Am erfolgreichsten war der Marxismus-Leninismus als Rechtfertigungsideologie der totalitären Diktatur. Nach dieser Doktrin steht die Partei, eine ebenso militante wie disziplinierte und verschwörerische Minderheit, an der Spitze des gesellschaftlichen Fortschritts. Lenins "Partei neuen Typus" beruhte auf der Erfahrung mit konspirativer Politik in Russland und dem Bürgerkrieg. Sie entwickelte eine eigenartige Mischung aus quasi-religiöser und militärischer Kultur und wurde zu einer fast sektenähnlichen Organisation, die ihre Mitglieder bekehren und zu Adepten der wahren sozialistischen Sache machen wollte. Und nachdem sie ihre Macht gefestigt hatte, richtete sie unter Stalin ihr Augenmerk auf eine andere "heroische" Aufgabe: die Industrialisierung des Landes. Sie verstand sich selbst als Entwicklungsmaschine, welche die Bauern und andere "rückständige" Gruppen vorwärts in die Modernität führen wollte.

Widerstandsbewegungen

Genau dieses Versprechen dynamischer Tatkraft war es, das auch die Eliten in zahlreichen Entwicklungs- und Kolonialländern faszinierte. Nicht zuletzt in Kriegssituationen fühlten sich viele Linke von diesem organisatorischen Elan angezogen. Er machte die Kommunisten zu einer zentralen Kraft des Widerstandes in den Ländern, welche vom nationalsozialistischen Deutschland und kaiserlichen Japan überfallen und besetzt worden waren. Den Niedergang des sozialistischen Systems konnte das allerdings nicht aufhalten.

Inzwischen ist die kommunistische Zivilisation seit 20 Jahren nahezu vollständig vom Erdball verschwunden. Zu ihrem bedeutendsten Totengräber war ausgerechnet jener Mann geworden, der sie von ihrem Siechtum erlösen wollte: Michail Gorbatschow. Seiner Politik widmet Priestland eine eingehende Untersuchung.

Fasziniert von Ideen des Wirtschaftsliberalismus wollte der 1985 angetretene Generalsekretär der KPdSU die Sowjetunion in eine Art riesiges sozialdemokratisches Schweden verwandeln. Das misslang - und zwar unabsichtlich. Gorbatschow zerstörte durch seine Reformen die ideologischen Fundamente des Sowjetsystems, und die öffentliche Meinung veränderte sich zwischen 1987 und 1991 rasch. Immer mehr Menschen gingen auf Distanz zur Partei und bewerteten den Westen positiv. Diese Entwicklung war sogar in den Satellitenstaaten zu beobachten, wo die Menschen seit geraumer Zeit recht gut über den Westen informiert waren. In Ungarn stieg der Anteil derjenigen, die glaubten, dass die "Wachstumschancen für Bildung und Kultur" im Westen voll ausgeschöpft wurden, zwischen 1985 und 1989 von 22,8 auf 51,1 Prozent. Die Folgen sind bekannt.

David Priestlands "Weltgeschichte des Kommunismus" ist ein brauchbares und erhellendes Buch über eine der größten politischen Verblendungen des 20. Jahrhunderts. Kurzum: ein fundiertes Werk des Historikers, das das Verständnis für die Verführungskraft und die Grenzen dieser Ideologie erweitert.

David Priestland:

Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute.

Siedler Verlag, München 2009; 784 S., 32 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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