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Interview mit Marek Krzakala
FÜNF FRAGEN ZU: POLEN NACH DEM UNGLÜCK

Die Anteilnahme des polnischen Volkes am Tod Lech Kaczynskis ist überwältigend. Welche Rolle spielte er als Präsident in Polen?

Es ist wichtig, zwischen menschlichem Mitgefühl angesichts der Tragödie und der Bewertung seiner Präsidentschaft zu unterscheiden. In diesem Kontext sind drei Prinzipien dieser Präsidentschaft zu erwähnen: Konservatismus, Religiosität und Patriotismus. Sie wurden von dem verstorbenen Präsidenten oft in den Mittelpunkt seiner Politik gestellt, was zu stürmischen Diskussionen über die Definition dieser Begriffe führte. Deswegen hatte der Präsident sowohl heftige Befürworter als auch Gegner.

Nach dem Unglück wird oft von einer Annäherung zwischen Polen und Russland geredet. Kann diese Katastrophe die beiden Länder tatsächlich einander näher bringen?

Die geleistete Hilfe und Haltung sowohl der russischen Regierung als auch der Bevölkerung hat die Polen sehr positiv überrascht. Gesten und Symbole spielen in der Politik eine wesentliche Rolle. Wir hoffen, dass sich diese Gesten in Zukunft auch in Taten widerspiegeln werden und so langfristig zur polnisch-russischen Versöhnung beitragen können.

In den Straßen hängen Plakate mit der Aufschrift "Katyn 1940 - 2010". Gibt es nun eine Art doppeltes Trauma in Polen?

Nach dem Krieg wurde Katyn für die Polen ein Symbol der Verlogenheit - die westliche Welt schwieg über dieses polnische Drama. Präsident Kaczynski hat immer stark betont, welche Bedeutung die Erinnerungspolitik im Leben eines Volkes hat. Sein Tod hat in diesem Zusammenhang Symbolcharakter und wird so vielleicht weiter zu einer umfassenden Auseinandersetzung, insbesondere in Russland, mit dem Verbrechen von Katyn beitragen.

Bei dem Unglück sind auch 18 Sejm-Abgeordnete umgekommen. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen damit um?

Es ist sehr schwer, die tragischen Erinnerungen abzuschütteln. In der letzten Woche fanden immer noch Beerdigungen statt. Mit manchen Verstorbenen habe ich noch einen Tag vor ihrem Tod gesprochen. Was die Neubesetzung der Mandate angeht, so kommen jetzt diejenigen ins Parlament, die nachfolgend auf der Wahlliste die meisten Stimmen bekommen haben. Beim Senat ist es komplizierter: Da liegen die Nachwahlen noch vor uns.

Polen befindet sich noch immer im Schockzustand. Wie lange wird diese Situation noch andauern?

Nach dieser Katastrophe wird Polen sicherlich nicht mehr dasselbe Land sein. Die Polen haben gezeigt, dass sie bei einem Unglück zusammenhalten können. Der erste und wichtigste Test wird der Präsidentschaftswahlkampf sein. Ich würde mir wünschen, dass er uns zeigt, wie man sich auf die feine Art unterscheiden kann - auch in der Politik.

Die Fragen stellte

Knut Krohn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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