Inhalt

Parlamentarisches Profil
Alkimos Sartoros
Resolut in der Sache: Bärbel Höhn

Unerträglicher Sturkopf!" "Bio-Bremse!" "Personifiziertes Investitionshindernis!" In ihrer 28-jährigen politischen Laufbahn musste Bärbel Höhn einige Schmähungen über sich ergehen lassen. Ob mit Ex-Außenminister Joschka Fischer, den sie mit ihrer Haltung zum Kosovo-Krieg zur Weißglut trieb, oder Ex-Verbraucherschutzministerin Renate Künast, mit der sie über die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche stritt: Die 57-jährige Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen ging in der Vergangenheit kaum einer Konfrontation aus dem Weg, auch nicht mit Parteifreunden.

Zwischen 1995 und 2005 war sie in Nordrhein-Westfalen dem Koalitionspartner SPD oft ein Dorn im Auge, zunächst als Ministerin für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft, seit dem Jahr 2000 dann als Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ihr Verhältnis zu den Ministerpräsidenten Peer Steinbrück und Wolfgang Clement (beide SPD) galt als katastrophal, die Wutausbrüche von letzterem im Kabinett galten als legendär. Ihr machte das wenig aus: "Wer glaubt, Wutanfälle zur Durchsetzung seiner Ziele zu brauchen, beeindruckt mich nicht", meint die Diplom-Mathematikern. "Außerdem", ergänzt sie lächelnd, "bin ich doch keine Bio-Bremse, sondern eine Bio-Beschleunigerin."

Vielleicht liefert die Wiege ihrer Politisierung eine Erklärung für diese kompromisslose Haltung: Als die gebürtige Flensburgerin 1978 aus Schleswig-Holstein ins Ruhrgebiet gezogen war, bekam einer ihrer beiden Söhne eine dauerhafte Bronchitis aufgrund der Luftbelastungen. Höhn reagierte, indem sie in einer Bürgerinitiative gegen eine geplante Sondermüllverbrennungsanlage kämpfte - und gewann. Mit diesem Erfolg im Rücken zog die ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Duisburg erst in den Oberhausener Stadtrat und 1990 dann in den Düsseldorfer Landtag ein. "Früher wurde man in einer Bergarbeiterstadt wie Oberhausen als Grüne schräg angeguckt", erinnert sie sich an ihre Anfänge in der Partei, der sie 1985 beigetreten war. "Mittlerweile kommt selbst ein CDU-Umweltminister nicht mehr am Klimaschutz vorbei." Auch die SPD sei im Bundestag eine andere als in Nordrhein-Westfalen: "Die NRW-SPD wollte, dass wir Grüne in der Koalition kuschen." Gegen diese "Arroganz der Macht", die die SPD in ihrem Stammland entwickelt habe, haben die Grünen knallhart um jedes Zugeständnis kämpfen müssen.

Bei ihrem Wechsel nach Berlin im Jahre 2005 musste sie dann eine kleine Überraschung verdauen, was die dortigen Gepflogenheiten anging: "Bei meiner ersten Bundestagsrede klatschte selbst die SPD! Das hatte ich in NRW von meinem Koalitionspartner nicht erlebt."

Mit ihrem Einsatz, etwa gegen den Bau des Metrorapid oder bei ihrem Kampf gegen die Rinderseuche BSE, spaltete Bärbel Höhn die Gemüter bei politischen Gegnern und Parteifreunden. Dafür wurde sie teils spöttisch, teils ehrfurchtsvoll "Grüne Mutter Courage" und "Heilige Johanna der Schlachthöfe" genannt.

Seit Mai 2006 ist Höhn stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion. Als solche gestaltet sie in der 17. Wahlperiode als politische Koordinatorin des Arbeitskreises 2 die Bereiche Umwelt, Energie, Verbraucherschutz, Landwirtschaft, Tierschutz, Bauen und Verkehr mit. Im Landwirtschafts- und im Umweltausschuss ist sie in dieser Wahlperiode stellvertretendes Mitglied. Ihr Hauptanliegen: der weltweite Klimaschutz. Das Ergebnis der Klimakonferenz von Kopenhagen, auf der sie im Dezember vorigen Jahres als Mitglied der deutschen Delegation war, nennt sie eine große Enttäuschung. "Umso wichtiger ist jetzt, beim Klimaschutz zu Hause voranzukommen und alle Akteure zu stärken, die mehr für erneuerbare Energien und Energieeffizienz tun wollen." Und was macht sie neben der Politik? Sie genieße die Natur, sagt sie ganz "Grünen-typisch". Und sie lese gerne. Zuletzt habe ihr "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling gefallen. Ob sie sich so eine Pilgerreise für sich selbst vorstellen könne? Sie hält kurz inne: "Vielleicht später einmal." Noch gibt es zu viel zu tun.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag