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Sebastian Borger
Liberale Königsmacher

GROSSBRITANNIEN Der Ausgang der Unterhaus-Wahlen ist offen wie lange nicht

An manchen Traditionen halten die Briten eisern fest. In der Nacht zu diesem Freitag werden wieder überall im Land übernächtigte Gestalten auf die Bühne einer Turnhalle, eines Kulturzentrums oder eines Rathauses wanken, sich brav in einer Reihe aufstellen und mit mehr oder weniger kontrolliertem Gesichtsausdruck den Worten eines Kommunalbeamten lauschen: "Ich, der Wahlleiter für diesen Bezirk, gebe das Ergebnis der Wahl zum Unterhaus bekannt." Dann folgen, in streng alphabetischer Reihenfolge, die Namen der Kandidaten sowie die Anzahl ihrer Stimmen. Jubel in einer Ecke des Saales, betretenes Schweigen überall sonst.

Die Uhrzeit der feierlichen Verkündigung hängt von der Effizienz der Kommunalverwaltung sowie dem Zuschnitt des Wahlkreises ab. Im nordenglischen Sunderland war bei den vergangenen beiden Wahlen eine Stunde nach Schließung der Wahllokale um 22 Uhr alles erledigt; in hochumstrittenen Bezirken und entlegenen Landregionen werden Zählungen und Nachzählungen manchmal erst am Freitagnachmittag beendet. Aus den 650 einzelnen Wahlkreisen setzt sich dann das Ergebnis für das neue Unterhaus zusammen. Wie es aussehen wird? Wenige Tage vor dem Urnengang ist das Rennen so offen wie seit 80 Jahren nicht mehr. "Bei den letzten Wahlen wusste ich genau, woran ich war, Haus für Haus, Straße für Straße", erzählt die aus Bayern stammende Sozialdemokratin Gisela Stuart, die sich in Birmingham-Edgbaston um die Wiederwahl bewirbt. "Diesmal weiß ich gar nichts. Ich fühle mich, als hätte ich einem Kind beim Puzzeln zugeschaut. Das Puzzle war fast fertig und plötzlich fliegen alle Teile durch die Luft."

Das liegt vor allem daran, dass die politische Elite diesmal eine andere Tradition aufgegeben hat: Erstmals gab es, an drei Donnerstagen in Folge, Live-Debatten der Parteichefs im Fernsehen. Weil Liberaldemokrat Nick Clegg die Chance nutzte, sich auf Augenhöhe mit Premier Gordon Brown und dessen konservativem Herausforderer David Cameron zu präsentieren, ist aus dem traditionellen Duell ein Dreikampf geworden. Jahrelang sagten die Umfragen einen Sieg der Konservativen voraus. Nun liegen die Tories nur noch bei 33 Prozent, zu wenig für eine eigene Mehrheit; Labour verbucht 28 Prozent, zwei Prozent weniger als die Liberaldemokraten. "Unter uns Demoskopen herrscht weitgehend Einigkeit, dass es zum parlamentarischen Patt kommen wird", berichtete Joe Twyman vom Institut YouGov vergangene Woche.

Freilich machen das Mehrheitswahlrecht und der Zuschnitt der Wahlkreise die Vorhersagen schwierig. Zudem geben sich viele Briten unentschlossen. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor kommt durch eine erfreuliche Entwicklung hinzu: Die Begeisterung für die Liberaldemokraten könnte die zuletzt dürftige Wahlbeteiligung deutlich in die Höhe bugsieren. Statt bisher 59 Prozent sagten zuletzt 68 Prozent der Briten, sie wollten "auf jeden Fall" wählen gehen. Die zuständige Kommission verzeichnete einen Ansturm von Jungwählern, die in letzter Minute noch ihren Eintrag ins Wahlregister verlangten.

Fehlender Trumpf

Liberaldemokrat Nick Clegg hat sich als Vertreter der Anti-Politik-Stimmung präsentiert und den Mantel des Saubermannes umgelegt, der nach dem unappetitlichen Spesenskandal im Unterhaus aufräumt. Dass auch seine Abrechnungen Merkwürdiges enthielten und seine Partei Millionenspenden eines später verurteilten Betrügers angenommen hat, tat der "Clegg-Mania" keinen Abbruch. Plötzlich sticht der Trumpf nicht mehr, mit dem die beiden großen Parteien seit Jahrzehnten das Wahlvolk disziplinierten: dass im Mehrheitswahlrecht die Stimme für eine kleinere Partei verloren ist.

Geschickt hat es Clegg verstanden, sich schon vorab zum moralischen Sieger zu erklären. Seine Partei träumt seit Jahren von einem "gerechteren" Wahlsystem nach dem Verhältniswahlrecht, wie es in den Randregionen Nordirland, Schottland und Wales bereits Einzug gehalten hat. Tory-Chef David Cameron warnte bis zuletzt vor "einem unklaren Ergebnis, das eine schwache Regierung zur Folge" hätte. Düstere Vorhersagen über eine Panik der Märkte wischen erfahrene Finanzexperten in der City of London allerdings vom Tisch. "Es gibt doch viele gute Nachrichten", glaubt Richard Buxton vom Vermögensverwalter Schroders. Alle Parteien brauchen Wachstum, also wird die neue Regierung wirtschaftsfreundlich sein, egal wer sie anführt." Manches ändert sich eben nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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