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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Irrwisch: Diether Dehm

Sein Auftritt ist wohl durchdacht. Aus der dicken Rauchwolke seiner kurzen Monte Christo sticht eine Krawatte hervor, pink-schwarz gestreift wie die Socken. "Die habe ich gerade aus Kuba mitgebracht", sagt er zur Zigarre, da klingelt sein Handy, nein, es singt: "Was soll'n wir trinken, sieben Tage lang", trällert eine Hymne der Linken, einst von ihm gedichtet. Sein Sohn ist dran, er studiert gerade in Havanna. Der italienische Eurokommunist Enrico Berlinguer lächelt von einem Plakat. Warm und feierlich wirkt das Büro von Diether Dehm in einem erdgeschössigen Nebenflügel des Jakob-Kaiser-Hauses: der Couchtisch mit Büchern drapiert, eine wuchtige Musikanlage hinterm Schreibsessel; alles offensiv, dynamisch und laut. Wie der europapolitische Sprecher der Linksfraktion selbst.

Ein Besuch bei Diether Dehm gleicht einer Zeitreise. Da grüßen Reliquien der Vergangenheit, aus Partisanenkämpfen und Kaltem Krieg wie zur Vergewisserung - und da plant Dehms Stimme die Gegenwart. "Mindestens jeden zweiten Sonntag brennt hier das Bürolicht bis spät in die Nacht und das nebenan von unserem EU-Referenten Kurt Neumann auch", sagt er und lächelt. "Dann priorisieren wir." Dann beugen sich die beiden über Akten und überprüfen die Vorschriften und Anträge aus der EU-Kommission auf ihre Folgen. "Wir wollen besser informiert werden, und zwar auf Deutsch", sagt Dehm über die Folgen des Verfassungsgerichtsurteils zum Lissaboner Vertrag, "das sehen die Unionsabgeordneten im Europa-Ausschuss auch so". Überhaupt der Ausschuss: Gut geführt sei der vom Vorsitzenden Gunther Krichbaum, es herrsche Kooperation, auch der Linksfraktion gegenüber. Nur aus Brüssel regne so viel auf die Parlamentarier herab: "Die personellen Kapazitäten müssen immer noch aufgestockt werden. Sonst bleibt es schwierig mit dem Kontrollauftrag."

Schon wieder klingelt das Telefon. Peter Gauweiler von der CSU sagt zu, denn Dehm wird 60 und will das feiern: mit einer Podiumsdebatte. Er ist ein etwas anderer Politiker. Schrieb Songs für und mit Joe Cocker, Ute Lemper, Heinz Rudolf Kunze und Udo Lindenberg. Er managte Katharina Witt, BAP und Klaus Lage. Noch heute ist er Mitgesellschafter eines Radios, leitet einen Musikverlag und verwaltet seine Immobilien. Nebenbei schreibt er Romane.

Fragt man Bekannte über Dehm, erntet man alles - außer Gleich-gültigkeit. Der Mann polarisiert. Die einen bezeichnen ihn als Westspion der Stasi, die anderen als letzten Romantiker der Linken. Er selbst nennt Kontrahenten gern schnell "Feinde", Journalisten "Lohnschreiber von Konzernmedien" und bezeichnet die Deutsche Bank als "Krebsgeschwür für die Gesellschaft". Ist das nicht Nazi-Sprache? "Ich lasse mir von diesen braunen Verbrechern kein einziges Wort wegnehmen." Mobilisiert das nicht niedere Instinkte? "Nein, höhere Gedanken! Nur wer provoziert, stiftet Nachdenken und schließlich Kompromisse." Über Zweifel scheint er leicht erhaben. Vielleicht ist das so, wenn man wie Dehm drei Leben hinter sich hat.

Sein erstes ließ er bei der SPD, in die er mit 15 eintrat, ihre Parteihymne komponierte und nach der Debatte um seine vermutete DDR-Spitzeltätigkeit verließ. Dann stieß er zur PDS, wurde so-fort Parteivize - und zog sich nach langem Zwist gen Niedersachsen zurück, formte in seinem dritten Leben aus einem zerstrittenen Haufen dort eine Truppe und führte sie bei der Wahl 2007 mit 7,1 Prozent in den Landtag; 2009 dann der Einzug in den Bundestag.

Jetzt, mit 60 Jahren, will Dehm versöhnen. "Ich habe früher oft zu schnell Gegner gesehen", sagt er. "Einen Graben aufzureißen, dauert fünf Minuten. Ihn zuzuschütten oft mehr als ein Menschenleben." Seine Friedenspfeife: Er ist auch mittelstandspolitischer Sprecher seiner Fraktion. "Das ergibt gerade für die Kauf-kraftstärkung Schnittmengen mit den anderen Parteien." Überhaupt sei christliche Nächstenliebe wie die Solidarität der Linken ein Gegenentwurf zum Neoliberalismus. Träumt er etwa von Schwarz-Tiefrot? "Für Wertkonservative habe ich Ohren groß wie Rhabarberblätter." Das Handy singt ein drittes Mal. Dehm stockt, lächelt, zieht tief an der Zigarre und nimmt ab.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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