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Aschot Manutscharjan
Heilige Dogmen

ISRAEL Der ehemalige Knesset-Sprecher Avraham Burg wehrt sich gegen eine Instrumentalisierung des Holocaust

Zur Präsentation des Buches "Hitler besiegen" des israelischen Autors Avraham Burg in Berlin erschienen im Herbst 2009 nur fünf Journalisten. In Deutschland herrschen nicht selten Berührungsängste zu solch provokanten Büchern über Israel, die als politisch nicht korrekt gelten. Dafür rechnete Hendrik M. Broder, der sich selbst gerne als unabhängiger Denker gibt, mit Buch und Autor ab. Avraham Burg gehöre zu jenen Israelis, "die als selbstkritische Moralisten das andere bessere Israel vertreten, gebildete, intelligente und tapfere Menschen wie Uri Avnery, Ilan Pappe und Moshe Zuckerman", höhnte der streitbare Publizist. Diese Vertreter einer israelischen Elite, die laut Broder wie "Orangen aus Jaffa" zu den Exportartikeln "Made in Israel" gehören, für die es in Europa eine ständige Nachfrage gebe, meint er, niedermachen zu müssen. Für Broder sind sie "nützliche Idioten der Israelkritik, die sich gerne hinter authentischen Israelis versteckt". Dass diese "nützlichen Idioten", die für Israel unter Einsatz ihres Lebens kämpften, mit ihren zionismuskritischen Schriften nicht die Vorurteile von Antisemiten und Israelhassern bedienen wollen, sondern im wohlverstandenen Eigeninteresse einen Politikwechsel gegenüber den Palästinensern einfordern, um so die Existenz des Judenstaates langfristig zu sichern, wollen ihre Kritiker nicht jedoch erkennen.

Extremistische Siedler

Wer in Israel die Siedlungspolitik ablehnt oder die Ikonen des Zionismus hinterfragt, gerät schnell in Verdacht, ein Verräter zu sein. Nicht zuletzt der frühere Ministerpräsident Jitzchak Rabin wusste, welch große Gefahr die extremistischen Flügel der Siedlerbewegung und ihre religiösen Anführer für den Staat Israel bedeuteten. Und er scheute sich nicht, sie mit drastischen Worten öffentlich zu kritisieren: "Sie sind dem Judentum fremd (...) Ihr seid nicht Teil des demokratischen, nationalen Lagers (...) Ihr seid eine Schmach für den Zionismus und ein Schandfleck für das Judentum." Am 4. November 1995 wurde Rabin von einem jüdischen Extremisten ermordet, der glaubte, so "das jüdische Volk vor einem erneuten Holocaust zu retten und das Kommen der Erlösung herbeizuführen". Es ist genau diese Art der Instrumentalisierung des Holocaust, gegen die sich Avraham Burg in seinem Buch wendet: Er argumentiert gegen das Bedrohungsszenario einer zweiten bevorstehenden Shoa und gegen die allgegenwärtige Präsenz des Holocaust in Israel, mit dem nicht zuletzt die Besatzungspolitik gegenüber den Palästinensern gerechtfertigt werde.

Wie sein Vater Josef, der den Holocaust überlebte und in Israel als Innenminister dem Kabinett Menachem Begin angehörte, startete auch sein 1955 in Jerusalem geborener Sohn Avraham nach dem Militärdienst als Leutnant einer Fallschirmjägerbrigade eine glänzende politische Karriere: Er war Berater von Premierminister Schimon Peres, Vorsitzender der einflussreichen Jewish Agency und World Zionist Organization und von 1999 bis 2003 Sprecher des israelischen Parlaments, der Knesset.

Heftige Reaktionen

Obwohl er zur politischen Elite seiner Heimat gehört, ist er dort inzwischen höchst umstritten: Denn Burg machte sich nicht nur als Friedensaktivist und scharfer Kritiker der israelischen Besatzungspolitik einen Namen. Vielmehr wagt er es, die allgegenwärtige Präsenz der Shoah in den aktuellen politischen Debatten ebenso wie im Alltag der Israelis zu kritisieren und mehr Distanz zu den historischen Ereignissen zu fordern. Dass ein solcher Appell in Israel heftige Reaktionen auslösen würde, muss Burg klar gewesen sein. "Sollte ich jemanden verletzen, entschuldige ich mich dafür. Sollte die Wahrheit schmerzen, dann leide auch ich darunter", schreibt er im Vorwort.

Der Autor ist sich bewusst, dass er mit seinem Buch "heilige Überzeugungen in Zweifel" zieht und gleichzeitig versucht, "starre nationale Dogmen" durch universelle zu ersetzen. Selbstbewusst spricht er davon, dass er "Israel einen Spiegel und harte Wahrheiten vorgehalten" habe. Dabei verhehlt er nicht, dass ihm zuweilen das Mitgefühl und die Geduld fehlen, um schmerzhafte Botschaften wohldosiert zu präsentieren. Avraham Burg sucht in seinem herausragenden Buch nach einem Weg, der es Israel ermöglicht, nicht nur der Vergangenheit verhaftet zu sein und dadurch das Trauma immer wieder aufleben zu lassen. Es geht ihm nicht darum, die Erinnerung an die Shoah zu verdrängen. Tatsächlich will er das Gewesene bewahren, aber in der Gegenwart leben. Dies bedeute auch, dass Israel aufhören müsse, "gegen sämtliche Werte zu verstoßen, für die wir in der Vergangenheit als verfolgte Minderheit eingetreten sind". Die Tragödie der Juden in der Vergangenheit dürfe nicht die demokratischen Grundlagen Israels zerstören. Es sei an der Zeit, fordert Burg, die Jugend nicht länger im ständigen Bewusstsein des blutigen Traumas des Holocaust zu erziehen, sondern sie mit einem neuen Geist jüdischer Hoffnung und israelischer Spiritualität stark zu machen. Ansonsten hätte Hitler am Ende sein Ziel doch noch erreicht.

Avraham Burg:

Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.

Campus Verlag, Frankfurt/M. 2009; 280 S., 24,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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