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Jeannette Goddar
»Ich wollte dazugehören«

Gesellschaft Cem Gülay über seine kriminelle Karriere und eine misslungene Integration

Was erwartet man von einem Buch, das "Eine deutsche Gangsterkarriere" zu erzählen verspricht? Und dann noch von einem, der "Türken-Sam" heißt. Den man schon dreimal im Fernsehen gesehen hat; darunter einmal bei Anne Will auf dem Sofa - frei nach dem Motto: Gangster sind nicht beliebt, aber sexy. Erst recht, wenn sie aus Gastarbeiter-Familien stammen, Abitur haben und sich ganz ohne Not in die Unterwelt abgesetzt haben. Eine gewisse Skepsis gegenüber "Türken-Sam" scheint also angebracht.

Umso überraschter stellt man fest: Das Lesen lohnt sich! Schon hinter dem Titel verbirgt sich eine kleine illustre Geschichte über den Autor, der hier aus seinem Leben erzählt. Sam heißt eigentlich Cem; nur weil seine deutschen Mitschüler das nicht aussprechen konnten, wurde Sam daraus. Cem Gülay wurde in den 1970er-Jahren im damals noch gutbürgerlichen Hamburg-Lokstedt groß. In seiner Klasse war er das einzige türkische Kind. Lange glaubte er beinahe, so zu sein wie seine deutschen Mitschüler. Aber eben nur beinahe. Irgendwann stellte er fest: Immer wenn es ernst wird, ist er anders. Als die Jugendlichen im Viertel sich in Gruppen zu sortieren beginnen, ist er selbstverständlich "der Türke"; genau wie sein Bruder, der von Neonazis übel zugerichtet wird. Auch als der Deutsche Fußball-Bund die besten Nachwuchsspieler des Landes sucht, ist Gülay wieder Türke. In letzter Minute wird er von dem Wettbewerb ausgeladen: Weil, wie sein Trainer ihm erzählt, Jugendtrainer Berti Vogts nicht so viele ausländische Spieler haben wolle. "Ich wollte dazugehören", konstatiert Gülay, "aber ihr habt mir oft genug das Gefühl gegeben: Du gehörst nicht dazu." Bis nach Amerika flieht er, um dem Gefühl wachsender Ausgrenzung zu entkommen. Dort ist er endlich ein Weißer - und versteht die Schwarzen doch so gut, dass er auch von ihnen Respekt bekommt. Zurück in Deutschland schafft er mühelos das Abitur.

Aus der fest eingeplanten akademischen Laufbahn wird allerdings nichts. Gerade will er zu den Schnuppertagen an die Hamburger Universität, da verprügelt sein Vater seine mit ihm gegen ihren Willen als Minderjährige verheiratete Mutter. Cem mischt sich ein, wird angebrüllt - und stellt den Vater vor die Wahl: Wenn du mir jetzt 5.000 Mark gibst, bist du mich los. Am nächsten Morgen ist das Geld da. "Lass uns mit dem Irren nicht allein", flehen seine Brüder ihn an. Sam tut es doch, gründet eine neue "Existenz" - er wird Gangster. Wie wird man Gangster? Gülays Antwort ist schlicht: "Man trifft eine Entscheidung."

Schulden und Drogen

Fortan bekommt er Dinge, von denen er zuvor nur träumen konnte - "Macht, Mädchen und Respekt" zum Beispiel. Statt am Club anzustehen, sieht er die Türsteher zurückweichen, wenn er sich nur nähert. Er trägt jetzt Versace, fährt Porsche und wirft mit Bargeld nur so um sich. Verdienen tut er das als Betrüger in Sachen Warentermin-Geschäfte. Das Ende der Geschichte ist absehbar: Die ehrenhafte Al-Pacino-ähnliche Ersatzfamilie ist gar keine und lässt ihn ebenso fallen wie der eigene Vater: in ein Meer von Schulden, Drogen, Verrat. Der Weg, der nach oben gehen sollte, führt einfach in den Keller.

Das Interessanteste ist aber gar nicht der Einblick in die Hamburger Mafia. Sondern der Blick auf etwas, was bisher vor allem von Autorinnen wie Seyran Ates oder Necla Kelek betrachtet wurde: auf die viel diskutierte männlich-türkische "Ehre" - die bei Cems Vater dazu führt, dass er seinen Sohn zu einem Ehrenmord an der eigenen Mutter anstiften will. "Sen adam degilsin. Du bist kein Mann!", konstatiert Gülay, "das ist das Schlimmste, das sie sich vorstellen können. Die ganze Zeit haben sie sowieso die Arschkarte im Leben gezogen, und dann kommt auch noch der Vater und sagt: Sen adam degilsin." Ach ja, und über noch eine Frage des überaus eloquenten Autors lässt sich eine Weile nachdenken: "Wenn ihr es schon nicht geschafft habt mich zu integrieren - wen dann?"

Cem Gülay, Helmut Kuhn:

Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere.

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009; 280 S., 14,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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