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Susanne Kailitz
Finanzfrust bei freien Hebammen

gesundheit Der Protest der Geburtshelferinnen findet im Bundestag Gehör

Auf die Frage, warum sie ihren Beruf trotz aller Widrigkeiten keine Sekunde in Frage stellt, antwortet Antje Hertweck prompt: "Idealismus. Anders geht das gar nicht." Hertweck ist freiberufliche Hebamme im Geburtshaus Dresden. Hier begleitet sie gemeinsam mit vier Kolleginnen Frauen von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Wochenbett - auch wenn sich das finanziell immer weniger lohnt. Denn während die Pauschalen, die die Krankenkassen für die Geburtsbetreuung zahlen, seit 1999 stagnieren, sind die Beiträge für die Haftpflichtversicherung der Hebammen immer weiter angestiegen. In diesem Juli ist eine weitere Erhöhung fällig: Statt bisher 2.300 Euro zahlen die Hebammen, die Geburten betreuen, künftig 3.689 Euro. Schon jetzt bietet laut Deutschem Hebammenverband nur knapp ein Viertel der rund 15.500 freien Hebammen in Deutschland diesen Service noch an. Nach der jüngsten Gebührenerhöhung hätten zehn Prozent aufgegeben, für die kommenden Monate werde ein ähnlicher Rückgang befürchtet.

Auch im Dresdner Geburtshaus müssen die Hebammen künftig noch genauer rechnen. 50 Geburten fanden hier im vergangenen Jahr statt, außerdem wurden 40 Hausgeburten betreut. "Wir brauchen rund zehn Geburten pro Jahr, um überhaupt die Haftpflichtprämien decken zu können", sagt Antje Hertweck, "dann sind aber noch immer weder Steuern noch Sozialversicherungen bezahlt." Für eine Entbindung im Geburtshaus bekommt die Hebamme 445 Euro, bei einer Hausgeburt sind es 537 Euro. Diese Summe soll sowohl eine Zeit von acht Stunden vor und drei Stunden nach der Entbindung als auch die Geburt selbst abdecken - und die kann schon mal bis zu 24 Stunden dauern.

Bis zu 60 Stunden pro Woche arbeitet Hertweck, die selbst zwei Kinder hat. In den Phasen, in denen bei ihren Kundinnen die Geburt ansteht, muss sie sicherstellen, dass sie innerhalb einer Stunde anwesend sein kann - egal, ob nachts, am Wochenende oder während der Ferien.

Etwa 1.300 Euro monatlich verdienen die Hebammen, bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 55 Stunden. Das hat der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands ausgerechnet. Nach der Erhöhung der Haftpflichtprämien wird es für diejenigen, die Geburtsbetreuung anbieten, noch weniger sein. Dabei haben die immer höheren Prämien nichts mit steigenden Fehlerzahlen zu tun. "Wenn Hebammen in Haftung genommen werden, geschieht das meist aufgrund von Dokumentationsfehlern. Um mich abzusichern, muss ich also einen bedeutenden Teil meiner Arbeitszeit darauf verwenden, genau zu notieren, was ich wann getan habe", sagt Hertweck. Dokumentationsarbeit, die es bislang nur spärlich gibt, wenn es um den Berufsstand der Hebammen geht. In einer Antwort (16/13812) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion (16/13724) musste die Bundesregierung im vergangenen Jahr einräumen, dass es keine Daten zur Arbeit der freiberuflichen Hebammen gibt. Seit 2007, als die Hebammen in die Selbstverwaltung entlassen wurden, ist der Staat nicht mehr an der Aushandlung ihrer Gebührenordnung mit den Krankenkassen beteiligt. Doch die Partner schaffen es allein nicht: Die Verhandlungen zwischen den Hebammenvertretern und den Krankenkassen über die Gebühren sind im März gescheitert. Nun muss eine Schiedsstelle entscheiden.

Besonders prekär ist die Situation für Hebammen im ländlichen Raum, die von vornherein nicht so viele Patientinnen haben. Gerade hier breche die Versorgungssicherheit zusammen, warnt der Hebammenverband. Wenn die Hebammen ihre Leistungen nicht mehr anbieten könnten und immer mehr Krankenhäuser ihre geburtshilflichen Abteilungen aus Kostengründen schließen müssten, sei zu befürchten, dass Frauen künftig öfter ihre Kinder unfreiwillig zu Hause oder auf dem Weg in eine weit entfernte Klinik zur Welt bringen müssen.

Unterstützung für Petition

In einer Petition fordern die Hebammen Sofortmaßnahmen. Schon nach wenigen Tagen sei die notwendige Zahl von 50.000 Unterstützern erreicht worden, teilte der Hebammenverband vergangenen Dienstag mit. Nun wird sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit den Finanznöten und der drohenden Versorgungslücke befassen. Nach Angaben des Verbandes ist für den 26. Mai ein Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) geplant.

Zusätzlich haben die Hebammen mit einer Protestaktion dafür gesorgt, dass Hebammen und Eltern die Büros ihrer Bundestagsabgeordneten mit Postkarten schier geschwemmt haben. Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach, lässt wissen, man habe "die Bedrohung des Berufsstandes" als "massives Problem erkannt" und bemühe sich gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium darum, eine Lösung zu finden. Allerdings müsse auch darauf geachtet werden, "nicht die Rechte anderer, zum Beispiel behindert geborener Kinder, zu beeinträchtigen". Der CDU-Gesundheitsexperte Rudolf Henke weist darauf hin, dass die Aufwendungen der gesetzlichen Krankenkassen für Hebammenhilfe von 311 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 366 Millionen Euro im Jahr 2008 gestiegen seien.

Auch die Opposition hat reagiert: Die SPD-Gesundheitsexpertin Mechthild Rawert hält es für "nicht hinnehmbar, wenn Frauen in der freien Wahl der Geburtshilfe eingeschränkt werden". Sie werde sich in den kommenden Woche im Gesundheitsausschuss dafür einsetzen, dass die Situation der Hebammen evaluiert wird. Das fordert auch die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in einem Antrag (17/1587). Nur mit mehr Faktenwissen, so die Grünen-Gesundheitspolitikerin Birgitt Bender, könne man darüber nachdenken, wie sich die Situation verbessern lasse. Das Problem der hohen Haftpflichtprämien sei allerdings schwierig: "Die Prämien sind kalkuliert und vom Bundesaufsichtsamt genehmigt. Da kann man nicht einfach sagen, die sollen niedriger gemacht werden." Denkbar sei eventuell ein Staatsfonds - zunächst aber brauche man dringend Daten.

Bis dahin rechnet Antje Hertweck weiter. Wenn es sich nicht mehr lohnt, werde sie lieber die Geburtsbetreuung einstellen, als in ein Krankenhaus zu wechseln. "Ich möchte in diesem Getriebe kein Rädchen sein", sagt sie bestimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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