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Aschot Manutschajran
Ein Staat in wilder Ehe

ISRAEL Der Historiker Shlomo Sand widerspricht der Vorstellung von einem jüdischen Volk - dies sei eine Erfindung des Zionismus im 19. Jahrhundert. In seinem provokanten Buch plädiert er für die Anerkennung einer säkularen Nation

Im Jahr 1962 zog Shmuel Oswald Rufeisen, auch bekannt als Bruder Daniel, vor den obersten Gerichtshof Israels, um die Anerkennung seiner jüdischen Nationalität zu erstreiten. Geboren als Sohn einer jüdischen Familie in Polen, wurde Rufeisen Zionist und rettete als Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg das Leben vieler Glaubensbrüder. Später konvertierte er jedoch zum Christentum und trat in einen katholischen Orden ein. Nach seiner Emigration nach Israel vermerkte Bruder Daniel in seinem Einbürgerungsantrag, der "Nationalität nach" sei er Jude - auch wenn er getaufter Katholik sei. Doch auf diese Argumentation ließ sich das Gericht nicht ein und entschied, Shmuel Oswald Rufeisen sei kein Jude. Von den fünf Richtern schloss sich nur ein einziger diesem Urteil nicht an. Monate später bekam Rufeisen zwar einen israelischen Pass, aber unter der Rubrik Nationalität wurde der Hinweis "nicht eindeutig" vermerkt. Bis heute finden sich in den Pässen israelischer Staatsbürger, die von einer nicht jüdischen Mutter abstammen, Vermerke wie "Russe" oder "Araber".

Vor zwei Jahren veröffentlichte Shlomo Sand, Geschichtsprofessor an der Universität Tel Aviv, eine herausragende Studie zur Frage der jüdischen Nationalität, die in Israel drei Monate lang die Bestsellerlisten anführte und für heftige Kontroversen sorgte. Jetzt liegt sie auch auf Deutsch vor.

Nach dem ersten israelischen Rückkehrgesetz galt als Jude, wer eine jüdische Mutter hatte. Dessen ungeachtet löschte im Falle Bruder Daniels seine Abkehr vom jüdischen Glauben, die sich in seinem Übertritt zum Christentum manifestierte, dieses biologisch-deterministische Verständnis der jüdischen Identität. Auf Druck der religiösen Parteien wurde im Jahr 1970 das Rückkehrgesetz durch eine präzisere Definition ergänzt: Als Jude gilt seitdem, "wer als Kind einer jüdischen Mutter geboren wurde oder wer konvertiert und keiner anderen Religion angehört".

Kritik am Gründungsmythos

Laut Shlomo Sand ist die Zeit seit langem reif dafür, sich nicht nur kritisch mit dem Gründungsmythos Israels und der Existenz eines jüdischen Volkes auseinanderzusetzen, sondern sich auch von der Vorstellung zu lösen, wonach die Juden ein "auserwähltes Volk" seien. Ansonsten drohe dem Staat Israel früher oder später die Entstehung eines eigenen "Kosovo". Diese Entwicklung könne weder das enorme militärische Potenzial samt Atomwaffen verhindern noch eine Mauer - so hoch sie auch sei, argumentiert Sand.

Seine Forderung ist klar: Israel solle aufhören, ein "jüdischer Staat" sein zu wollen und auf seine "unzweideutige Apartheidspolitik" verzichten. Außerdem müsse Israel seine "staatlich geförderte jüdische ‚Herrendemokratie' in den besetzten Gebieten" aufgeben, schreibt der Historiker.

Innenpolitische Konflikte

Informativ sind seine Ausführungen über die aktuellen Veränderungen im politischen Spektrum Israels und die politische Radikalisierung der traditionsverhafteten jüdischen Schichten. Je energischer die israelischen Palästinenser in der Öffentlichkeit das Wort ergriffen und ihr Recht auf die gemeinsame Heimat einforderten, desto größer werde die Angst der sozialschwächeren Juden vor dem Verlust ihrer Privilegien, die nur in einem "jüdischen" Staat Bestand hätten. Damit erklärt Shlomo Sand auch, warum die Partei "Israel Beitenu" (Unser Haus Israel) von Avigdor Liebermann bei der jüngsten Knessetwahl das drittbeste Ergebnis erzielte: die "orientalischen" und "russischen" Juden, die keine starke "Israelisierung" erlebt hätten, fühlten sich von den Forderungen der "Araber" nach Gleichberechtigung bedroht. Mit seinem aggressiven Wahlkampf gegen die arabischen Israelis konnte Liebermann seine Mitbewerber verdrängen.

Sand berichtet von den scharfen Diskussionen über die Begriffe "Nation" und "Staatsangehörigkeit" in Israel. Dem ausländischen Beobachter sind diese Aspekte der israelischen Innenpolitik häufig unbekannt. Detailliert präsentiert Sand die Argumente der linken Zionisten und der säkularen Anhänger einer israelischen Nation, auch Rabbiner und Nichtjuden kommen zu Wort. Ein Israeli, der beim obersten Gerichtshof eine moderne Definition des Nationenbegriffs auf dem Klageweg durchzusetzen versuchte, scheiterte 1972 so wie Bruder Daniel zehn Jahre zuvor. Er wollte anstelle der "jüdischen" Nationalität wegen ihrer "rassisch-religiösen" Komponente die "israelische" festschreiben lassen. Die Richter ließen den Antragsteller jedoch abblitzen: Er müsse weiterhin mit seiner jüdischen Nationalität leben, weil es eine israelische Nation nicht gebe. Als Argument für die Existenz einer jüdischen Nationalität führte ein Richter unter anderem die Begeisterung und die Freudentränen jener Soldaten an, die 1967 die Klagemauer in Jerusalem erobert hatten.

Da Israel jedoch auf Immigranten aus Osteuropa, insbesondere aus der Sowjetunion, nicht verzichten konnte, wurde das Rückkehrgesetz regelmäßig gelockert. Selbst "Mischehen" gelten vielen nicht mehr als so verwerflich wie einst Premierministerin Golda Meir: Ihrer Meinung nach zählte ein Jude, "der mit einem Nichtjuden verheiratet war, zu den sechs Millionen Opfern des Nationalsozialismus".

»Missbrauch der Religion«

Sand arbeitet die historischen Ursprünge des Judentums heraus und geht der Frage nach, wie die Historiographie bis heute das Staatsrecht Israels bestimmt. Der Leser erfährt, wie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den vielfältigen Relikten und Erinnerungen des Judentums das essentialistische Konstrukt des "Volkes" zusammengefügt worden sei. Das Alte Testament sei in ein historisches Dokument umgedeutet worden, das den Zionisten als Rechtfertigung ihrer geplanten Besiedlung Palästinas diente. In diesem Zusammenhang kritisiert Sand ausdrücklich den "zynischen Missbrauch der jüdischen Religion" zum Zwecke der Verwirklichung zionistischer Ziele. Und er geht hart mit den Wissenschaftlern in seiner Heimat ins Gericht, die nicht die Kraft aufbrächten, sich dem Druck eines "allmächtigen Rabbinats" und dem Gewicht einer theokratischen Tradition entgegen zu stemmen.

Sand berichtet aber auch vom angespannten Verhältnis zwischen dem säkularen und dem religiösen Zweig in der zionistischen Bewegung und räumt ein, dass der Nationalismus immer auf den religiösen Druck angewiesen war.

Shlomo Sand sieht in Israel einen im Prinzip säkularen Staat, der aber in wilder Ehe mit der Religion lebe. Schließlich sei es "unglaublich schwierig", eine rein jüdisch-säkulare Identität zu definieren. Der Historiker kommt aber trotzdem zu dem Ergebnis, dass seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 in überraschend kurzer Zeit eine säkulare israelische Kultur entstanden sei, obwohl wichtige Feste, Feiertage und staatliche Symbole aus der langen Tradition des Judentums herrührten. Sands Fazit lautet: Es existiert eine israelische Nation mit eigenem Territorium, eigener Sprache, Kultur, Wirtschaft und dem Recht auf Selbstbestimmung.

Shlomo Sand:

Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand.

Propyläen Verlag, Berlin 2010; 512 S., 24,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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