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Günter Beyer
Aus der Flakstellung an den Kabinettstisch

Biografie Das Leben und Wirken des Nachkriegspolitikers und ehemaligen Justizministers Gerhard Jahn

Der sozialdemokratische Rechtspolitiker Gerhard Jahn gehörte von 1969 bis 1974 zu den profiliertesten Ministern im Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt. Als Justizminister trieb er dringende Reformen voran, nicht zuletzt die Reform des Ehe- und Scheidungsrechts. Statt vor Gericht quälend zu klären, wer das Scheitern der Ehe verschuldet habe, plädierte Jahn für das noch heute gültige "Zerrüttungsprinzip". Allerdings wurde die Reform erst 1977 unter seinem Nachfolger Hans-Jochen Vogel geltendes Recht.

Nun hat die Politikwissenschaftlerin Sonja Profittlich Jahns Biografie verfasst. Die Vita muss freilich noch aus anderem Grund interessieren. Der 1927 geborene Jahn war als Sohn einer jüdischen Mutter und eines evangelischen Vaters einer der wenigen Juden, die nach 1945 hohe Regierungsämter in der alten Bundesrepublik bekleideten. Jahns Mutter Lilly wurde 1944 in Auschwitz ermordet, während Gerhard als "halbjüdischer" Flakhelfer auf alliierte Bomber zielen musste. Vater Ernst, ein Arzt, schwängerte eine junge Kollegin und ließ sich von Lilly scheiden - wohl wissend, dass er durch die Scheidung infolge der NS-Rassegesetze seine Frau höchster Gefahr aussetzte.

Niemals hat Gerhard Jahn über die Ermordung seiner Mutter gesprochen, "ein Ausdruck von Sprachlosigkeit", wie seine Biografin Sonja Profittlich etwas verharmlosend vermutet. Eher handelte es sich wohl um ein lebenslang lähmendes Trauma. Über Kindheit und Jugend von Gerhard und seinen vier Schwestern in Immenhausen bei Kassel erzählen allerdings mehrere hundert Briefe, die erst nach dem Tod des ehemaligen Justizministers 1998 aufgefunden und von "Spiegel"-Redakteur Martin Doerry, einem Neffen Jahns, 2002 unter dem Titel "Mein verwundetes Herz" herausgegeben wurden.

Steile Karriere

Aus diesen Briefdokumenten zitiert Profittlich jedoch nur sparsam, recht schnell kommt ihre Darstellung zu Jahns steiler Karriere in der Nachkriegszeit. Sie führt ihn nach Jurastudium und ersten kommunalpolitischen Meriten in Marburg bereits 1957 als 30-Jährigen in den Deutschen Bundestag. Profittlichs Hauptquelle ist Jahns umfangreicher Nachlass, den sie gewissermaßen nach Aktenlage ausschöpft. Andere Quellen - etwa Aussagen von Weggefährten, Freunden, Gegnern - finden keinen Eingang in ihre Arbeit. Über Jahns Ehe etwa erfährt man nur, dass sie 1950 geschlossen und irgendwann geschieden wurde, über seine Kinder verrät eine Fußnote, dass es welche gibt, wie überhaupt Profittlich sich für Jahns Leben außerhalb der Politik nicht interessiert.

Doch was hatte den Angehörigen der "Flakhelfer-Generation" überhaupt in die Sozialdemokratie geführt? Der Berufspolitiker Jahn hat darüber kaum gesprochen, weshalb sich seine Biografin mit Analogieschlüssen behilft. Da werden die wesentlich auskunftfreudigeren Genossen Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel in der Annahme zitiert, bei Gerhard Jahn müsse die politische Orientierung generationentypisch wohl ähnlich verlaufen sein.

Kampf um den Paragrafen 218

Gerhard Jahn, der einen massiven "Reformstau" im CDU-Staat diagnostiziert, erwirbt sich im Bundestag bald den Ruf eines ausgewiesenen Rechtsexperten. Dabei versteht er Rechtspolitik immer als ein Feld, das durch vernünftige Gesetzgebung gesellschaftliche Entwicklungen nicht bloß nachvollzieht, sondern aktiv sozialpolitisch gestalten muss. Den "freien und mündigen Bürger" im Blick, scheint Jahn 1969 prädestiniert, im Kabinett Brandt "mehr Demokratie zu wagen". Beim Eherecht und im Strafvollzug kämpft er für nachhaltige Reformen, in Sachen Abtreibungs-Paragraf 218 hat er jedoch keine glückliche Hand. Es kommt zu einem jahrelangen Ringen zwischen Befürwortern der Strafreiheit von Abtreibung und einem konservativen Block um die katholische Kirche, der Jahn mit Parolen wie "Justizminister plant Mord" heftig attackiert. Jahn wirkt unentschieden, hat keine Hausmacht in der Partei, gerät immer mehr ins Fahrwasser der CDU/CSU, die ein Indikationenmodell favorisiert. Schließlich stimmte der Bundestag 1973 mit den Stimmen der sozialliberalen Koalition gegen Jahn für die Fristenlösung. Jahn hatte, wie Profittlich treffend kommentiert, "zunehmend den Anschluss an seine Partei verloren". Als Willy Brandt 1974 über die Guilleaume-Affäre stürzt, reißt er seinen "Justizminister ohne Fortüne" mit. Mit einer zweijährigen Unterbrechung vertritt Jahn, der 1998 in Marburg starb, dann die Bundesrepublik von 1975 bis 1998 in der UN-Menschenrechtkommission.

Sonja Profittlich:

Mehr Mündigkeit wagen. Gerhard Jahn Justizreformer der sozial-liberalen Koalition.

Dietz Verlag, Bonn 2010; 351 S., 32 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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