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ORTSTERMIN IM: SÜDKOREANISCHEN PARLAMENT
Claire Horst
Gukhoe, die Heimat wortgewaltiger Debatten

Die meisten, die die Insel Yeouido betreten, sind geschäftlich unterwegs oder genießen ihre Freizeit. Auf der acht Quadratkilometer großen Insel im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul befinden sich die Vertretungen der wichtigsten Firmen und Banken des Landes. An Wochentagen trifft man hier vor allem Geschäftsleute. Anders am Wochenende: Yeouido ist nicht nur Seouls Wall Street, sondern besitzt auch einen riesigen Park, in dem sich im Sommer Rollschuh- und Radfahrer, Zuckerwatteverkäufer und Großfamilien tummeln. Mit solchen Attraktionen kann das "Gukhoe"-Gebäude, das südkoreanische Parlament, das ebenfalls auf der Insel liegt, kaum mithalten. Vielleicht ist es deshalb nicht gerade überlaufen von Besuchern. Schulklassen besuchen das Gebäude am Wandertag, aber sonst kennt kaum ein Koreaner es von innen.

Dabei dürften die meisten von ihnen zumindest ein Foto des Hauses besitzen - genau wie die riesige Nationalflagge, die mitten im Yeouido-Park weht, ziert es den Hintergrund vieler Familienfotos. Und das tut es auf sehr dekorative Weise: Die Gukhoe, koreanisch für Nationalversammlung, tagt in einem schneeweißen, majestätisch wirkenden Bau in der Nähe des Parks. 24 Granitsäulen stützen das Gebäude, das von einer gigantischen Kuppel gekrönt wird. Hinter dieser Architektur steckt eine tiefere Bedeutung: Viele Meinungen - symbolisiert von den Säulen - verbinden sich zu einer, der öffentlichen Meinung. Das Gukhoe-Gebäude soll nicht nur das demokratische System Südkoreas architektonisch darstellen, sondern unterstreicht auch die lang ersehnte Unabhängigkeit von der japanischen Besatzungsmacht. Denn bis 1975, als der Bau fertig gestellt wurde, tagte das Parlament noch in einem von der japanischen Kolonialregierung errichteten Haus. Für das Selbstwertgefühl der Nation ist es nicht nur von symbolischer Bedeutung, endlich ein eigenes Parlamentsgebäude zu besitzen. Nach chinesischer und japanischer Besatzung musste Südkorea sich mühsam eine zuverlässige Demokratie erkämpfen.

Obwohl die 1948 verabschiedete südkoreanische Verfassung genauso alt ist wie das deutsche Grundgesetz, war die Demokratie des Landes lange Zeit weniger stabil als das Parlamentsgebäude. Schon Rhee Syngman, der erste Präsident nach dem Koreakrieg, entwickelte sich mit der Zeit zum Autokraten. Auf seinen Rücktritt folgte mit Park Chung-Hee ein weiterer Diktator. Bis weit in die 1980er Jahre wurden Meinungsfreiheit und demokratische Rechte in Südkorea unterdrückt, das Parlament hatte nur eine Scheinfunktion. Erst mit der demokratischen Wahl von Ex-General Roh Tae-Woo zum Präsidenten im Jahr 1987 begann eine Entwicklung hin zur Demokratisierung des Landes. In dieser Zeit wurde die Verfassung geändert. Seither beschränkt sich die Macht des Präsidenten auf eine einzige, fünfjährige Legislaturperiode, das Einkammerparlament muss jeder Verfassungsänderung zustimmen. Das ist eine kaum zu überwindende Hürde. In der Gukhoe sind sieben Parteien und mehrere unabhängige Parlamentarier vertreten. Begründet ist das im südkoreanischen Wahlsystem: Von den 299 Sitzen werden 249 an direkt gewählte Politiker vergeben, die übrigen werden unter allen Parteien verteilt, die die Dreiprozenthürde genommen haben. Diese Vielfalt führt zu wortgewaltigen Debatten im Parlament - nicht zu Unrecht ist die Gukhoe weltweit bekannt für ihre hitzigen Auseinandersetzungen. Zuletzt gingen im Juli 2009 Bilder um die Welt, die eine Prügelei im Parlament zeigten. Oppositionspolitiker hatten gegen Reformen protestiert, die die regierende Grand National Party (GNP) umsetzen wollte. Verhindern konnten sie diese jedoch nicht - die GNP hält mit 169 Sitzen die Mehrheit.

Ein Besuch der Gukhoe kann also doch recht spannend sein, nicht nur dann, wenn ein neuer Präsident vereidigt wird, wie bei der Amtseinführung von Präsident Lee Myung-bak im Februar 2008 (siehe Bild). Das nächste Mal lässt sich das Spektakel 2013 beobachten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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