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NORDKOREAGastkommentar
Martin Fritz
Riskantes Spiel

Ungeachtet der Dementis aus Pjöngjang ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Torpedo aus dem Norden im März die südkoreanische Korvette "Cheonan" versenkte, enorm hoch. Denn der Angriff aus der Meerestiefe hilft dem "General", wie Führer Kim Jong-il zuhause heißt, eine äußerst kritische Phase seiner Herrschaft zu überstehen.

Erstens wirkt Kim gesundheitlich angeschlagen und muss daher Stärke zeigen. Ihm bleibt nur noch begrenzte Lebenszeit, seinen dritten Sohn Kim Jong-un als Thronerben durchzusetzen. Dazu passen Berichte über Massenbeförderungen von Offizieren und von Autogeschenken an Generäle - sie stützen seine Macht. Zweitens geht es wirtschaftlich weiter bergab. Eine Währungsreform, die eine neue Mittelschicht aus Händlern enteignen sollte, misslang. Der General entschuldigte sich sogar dafür, dass es nur gebrochenen Reis zu essen gibt. Drittens funktioniert Kims alte Taktik, die Nachbarländer gegeneinander auszuspielen, nicht mehr, seitdem Südkorea dem Norden die kalte Schulter zeigt und die USA den Umgang mit Kim weitgehend China überlassen.

Die Rückkehr des Kalten Krieges auf die koreanische Halbinsel lässt das Volk hinter seinem obersten General zusammenrücken. Ein gutes Klima zur Vorbereitung eines dynastischen Machtwechsels. Patriotismus und Kriegsangst lenken von Armut und Hunger ab. Zudem kann der General die eigene Verantwortung für die wirtschaftliche Katastrophe unter Verweis auf die äußere Blockade leugnen. Doch Kims kalkuliertes Spiel mit nationalen Emotionen ist riskant: Nordkorea ist ein Pulverfass. Nüchtern betrachtet ist ein zweiter unblutiger Machtwechsel eher unwahrscheinlich. Anstatt die Augen zu verschließen, wäre es für die Welt besser, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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