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Peter Sturm
Misstrauische Brüder

PERSPEKTIVE Aus dem kalten Krieg der beiden Länder könnte einmal ein »heißer« werden

Die Nachricht war vage. Aber sie klang nicht gut. Ein südkoreanisches Kriegsschiff sei gesunken. Viele Seeleute würden vermisst. Nach einigen Wochen konnte das Wrack geborgen werden. Das Schiff war in der Mitte auseinander gebrochen. 46 Soldaten kamen ums Leben. Als Ursache des Zwischenfalls ermittelte eine internationale Kommission einen Angriff mit einem nordkoreanischen Torpedo. Zu denken gab von Anfang an vor allem der Ort des Geschehens, die Seegrenze zwischen Nord- und Südkorea. Deren Verlauf erkennt Nordkorea nicht an. Immer wieder kommt es auf hoher See zu Zwischenfällen. Hier und weniger an der stark befestigten Landgrenze ist nach Meinung vieler Beobachter das Risiko relativ groß, dass aus dem kalten Krieg der beiden Koreas einmal ein "heißer" werden könnte. Vergangenen Freitag schaltete Südkorea wegen der Torpedoattacke den Weltsicherheitsrat ein.

Leistung und Gegenleistung

Der Amtsantritt des südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak im Februar 2008 führte zu einer ersten Verschlechterung der zuvor halbwegs erträglichen Beziehungen zwischen Nord und Süd. Lee galt als "Hardliner", der die "Sonnenschein"-Politik seiner beiden Vorgänger gegenüber Nordkorea beenden und einen Kurs fahren wollte, der dem Prinzip "Leistung und Gegenleistung" folgte. Später kam die Erkrankung des nordkoreanischen Staatsführers Kim Jong-il hinzu, dessen total führerzentriertes Regime in Unordnung geriet, was sich unter anderem im Zusammenbruch der Gespräche über das Atomprogramm Nordkoreas manifestierte.

Kim Jong-il verschwand für Wochen aus der Öffentlichkeit. Seit einiger Zeit ist er wieder sporadisch zu sehen. Er war auch gesund genug für einen Besuch in China. Aber alles deutet darauf hin, dass er spätestens seit Jahresbeginn gezielt die Nachfolgefrage in seinem Sinne zu regeln versucht. Die sieht so aus, dass ein weiteres Mal - wie schon nach dem Tod des Staatsgründers Kim Il-sung - die Führung "in der Familie beiben" soll. Ausersehen ist offenbar Kims jüngster Sohn Kim Jong-un, ein noch nicht 30 Jahre alter Mann, der politisch bisher noch nicht in Erscheinung getreten ist. Ihm könnte im Falle des plötzlichen Todes seines Vaters die Macht entgleiten, bevor er sie noch richtig besessen hat. Eine derart unsichere Situation fördert in Regimen wie dem nordkoreanischen nicht gerade die Besonnenheit. Eine verunsicherte Führung könnte versucht sein, durch Herbeiführung einer Krise die Reihen zu schließen. Hinzu kommt, dass es im November 2009 zu einem Zusammenstoß beider Marinen gekommen war, bei dem der Norden deutlich den Kürzeren zog.

Alles dies könnte die nordkoreanische Führung veranlasst haben, ihrem Militär den Abschuss der südkoreanischen Korvette "Cheonan" zu erlauben. Diese Erklärung ergibt zumindest dann einen Sinn, wenn man - im Sinne der nordkoreanischen Propaganda - annimmt, dass in Pjöngjang weiterhin intakte Kommandostrukturen herrschen. Sollte das nicht der Fall sein (und wer außerhalb des engeren Machtzirkels könnte sich anmaßen, darüber wirklich etwas zu wissen?), sollte es sich also um einen Alleingang des Militärs gehandelt haben, wäre der Konflikt in einem außerordentlich bedrohlichen Stadium.

Politisch unter Druck

Noch deutet nichts darauf hin. Verfahren ist die Lage dennoch. Südkorea verlangt Konsequenzen. Präsident Lee Myung-bak ist durch die Umstände gezwungen, seinen Wahlkampfversprechen Taten folgen zu lassen. Er steht politisch unter Druck. Starke Kräfte innerhalb der Regierungspartei planen schon für die Zeit nach Lee, der nach Ablauf seiner Amtszeit von fünf Jahren nicht wiedergewählt werden darf. Das macht den Präsidenten zwar einerseits unabhängig von kurzfristigen Strömungen innerhalb der öffentlichen Meinung. Andererseits aber braucht er, gerade in einer Krisensituation wie der durch Nordkorea herbeigeführten, möglichst umfassende Unterstützung für seine Maßnahmen. Lees Regierung hat wirtschaftliche Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Auf internationaler Ebene versucht Seoul, die Vereinten Nationen zu einer Verurteilung Nordkoreas zu veranlassen. Es lädt alle Länder ein, die Ergebnisse der internationalen Untersuchungskommission über die Versenkung der "Cheonan" zu überprüfen und sich dann ein eigenes Urteil zu bilden.

Nordkorea spielt die verfolgte Unschuld und weist alle Verantwortung für den Vorfall zurück. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Drohungen aus Nordkorea in die Welt gefunkt werden. Nähme man alle Äußerungen aus Nordkorea wörtlich, die koreanische Halbinsel stünde längst in hellen Flammen.

Die Vereinigten Staaten stehen zu ihrem Verbündeten Südkorea. Sie appellieren, wie die Regierung in Seoul, an die Staatengemeinschaft, Nordkorea für sein Verhalten zu bestrafen. Dies geschieht mal fordernd, mal beinahe flehend, wie beim Besuch von Außenministerin Hillary Clinton in Peking. Die Haltung Südkoreas und Amerikas hat sich auch Japan zueigen gemacht. Tokio hat ein sehr schwieriges Verhältnis zu Nordkorea. Es verlangt - bislang vergeblich - Auskunft über das Schicksal von Landsleuten, die vor Jahrzehnten nach Nordkorea entführt worden waren, um nordkoreanischen Agenten japanische Sprache und Umgangsformen beizubringen.

Problematisch wird die Lage durch die Haltung Chinas. Peking hat seinen Einfluss auf Nordkorea seit Jahren gezielt ausgebaut, sich zum Beispiel die Nutzungsrechte für einen Hafen an der Ostküste der koreanischen Halbinsel gesichert. Auch wirtschaftlich gilt China als einer der wenigen verlässlichen Partner Nordkoreas. Die Möglichkeiten, gezielt auf Regierungshandeln einzuwirken, erscheinen aber gering. Zumindest hat China nichts von dem verhindert, was die Welt seit Jahren beunruhigt. Und man kann sicher sein, dass es zumindest die Atomtests Pjöngjangs sehr gerne verhindert hätte.

Dies, kombiniert mit der Furcht Chinas vor einer Destabilisierung Nordkoreas, macht eine Lösung so schwer, denn Peking wird nicht zulassen, dass Nordkorea mit schweren Sanktionen belegt wird. Ein Zusammenbruch Nordkoreas hätte vermutlich zur Folge, dass viele Flüchtlinge die Grenze zu China überquerten und in Gebieten Zuflucht suchten, in denen eine koreanische Minderheit lebt. Käme es darüber hinaus zu einer Wiedervereinigung Koreas, bestünde aus Sicht Chinas die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten - entweder in Form direkter Militärpräsenz oder zumindest politisch -unmittelbar an die Grenzen der Volksrepublik heranrückten. Diesem Szenario ist in den Augen der notorisch misstrauischen Führung in Peking die Existenz eines international isolierten, aber nach innen stabilen Regimes in Pjöngjang allemal vorzuziehen. Krieg will wahrscheinlich keiner der Beteiligten. Für Kim Jong-il und die Führung in Nordkorea geht es schon seit vielen Jahren nur noch ums Überleben. Viele Regierungen wären froh, wenn das Nordkoreaproblem durch einen friedlichen Regimewechsel gelöst würde. Aber aktiv mag das nicht einmal Südkorea betreiben, das das Ziel der Wiedervereinigung Koreas im Prinzip weiterverfolgt. Das Beispiel Deutschland hat die Begeisterung in Südkorea allerdings nicht gerade angespornt. Die Rechnung, die der völlig abgewirtschaftete Norden Koreas den mittlerweile ziemlich wohlhabenden Landsleuten im Süden präsentieren würde, fiele außerordentlich hoch aus. In den Augen Südkoreas könnte am Ende der Krise die bittere Erkenntnis stehen, dass das Regime in Nordkorea zwar im Prinzip dem Untergang geweiht ist, dass es bis dahin aber Narrenfreiheit genießt und diese brutal ausnutzt. Welche Folgen das für das Verhältnis Südkoreas zum Beispiel zu China hat, wird eine der sehr spannenden Fragen für die mittelfristige Zukunft sein.

Der Autor ist Koordinator der Asien-Berichterstattung und Kommentator der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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