Inhalt

Eckard Stengel
Vermittelnder Hanseat

übergang Der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen ist bis zum 30. Juni Staatsoberhaupt

Vom Arbeitersohn zum kommissarischen Staatsoberhaupt: Das schafft nicht jeder - schon gar nicht ohne eigenes Zutun. Der Bremer Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) musste vergangene Woche plötzlich die Amtsgeschäfte des Bundespräsidenten übernehmen, weil er derzeit turnusgemäß dem Bundesrat vorsitzt und damit Vertreter des Staatsoberhauptes ist.

Präsident ist der SPD-Politiker schon seit 2005, aber nur Präsident des Bremer Senats. Damals ging sein Vorgänger Henning Scherf (SPD) in den Ruhestand, und Böhrnsen setzte sich bei einer SPD-Mitgliederbefragung gegen den bürgerlicheren Rivalen Willi Lemke durch. Bis zur Bürgerschaftswahl 2007 führte der Neue die von Scherf gegründete große Koalition weiter, aber dann tat er sich mit seinem Wunschpartner zusammen: den Grünen.

Soziale Ader

Das derzeit einzige rot-grüne Bündnis auf Länderebene will sich vor allem für mehr soziale Gerechtigkeit und bessere Bildungschanchen einsetzen. Das passt zu Böhrnsens sozialer Ader. Der verwitwete, aber neu liierte Vater zweier erwachsener Söhne stammt aus einer Bremer Gewerkschafterfamilie, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.

Nach dem Jurastudium in Kiel arbeitete er 17 Jahre lang als Verwaltungsrichter in Bremen. Obwohl er schon 1967 als Gymnasiast der SPD beitrat, ging er erst 1995, mit 45 Jahren, in die Politik: zunächst als Bürgerschaftsabgeordneter und seit 1999 als SPD-Fraktionschef, wie einst sein Vater.

Selber Bundespräsident zu werden, kommt für Böhrnsen nicht in Frage. Der bodenständige und uneitle Bremer will lieber seine Koalition fortführen, auch über die Bürgerschaftswahl 2011 hinaus. Das Bündnis arbeitet meist harmonisch, was auch Böhrnsens Verdienst ist. Nur selten wird er laut; lieber vermittelt er - ganz hanseatisch.

Aber politisch nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er kritisiert die Agenda 2010 und will die Reicheren wieder stärker besteuert sehen. Notfalls legt er sich auch mit Show-Prominenz an: Als Dieter Bohlen 2008 einen Vorentscheid für "Deutschland sucht den Superstar" im historischen Bremer Rathaus veranstalten wollte, sagte der Bürgermeister und Kultursenator "nein". So viel "Häme, Spott und Beleidigungen" wollte Jens Böhrnsen nicht im Weltkulturerbe dulden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag