Inhalt

Jan Rübel
Grabenkampf um Gorleben

untersuchungsausschuss Eine Experten-Anhörung zur Standortwahl zeigt, wie Wissenschaft in Politik übergehen kann

Der Gorleben-Untersuchungsausschuss erinnert zuweilen an eine Tankstelle. Ein Streichholz genügt - und alles steht in Flammen. Der Gutachter Jürgen Kreusch hatte gerade drei Einführungssätze gebracht - da diskutierten die Ausschussmitglieder über das weitere Vorgehen, erzielten keine Einigung und zogen sich zu einer nicht-öffentlichen Beratung zurück. Was war passiert?

Eigentlich ging es in der ersten Anhörung von Sachverständigen am vergangenen Donnerstag um eine allgemeine Einführung ins Thema: Zwei Geologen sollten über den damaligen Kenntnisstand in Bezug auf wissenschaftliches und technisches Wissen bei der Suche nach einem Endlager für radioaktiven Müll berichten. Eigentlich, so Ausschussvorsitzende Maria Flachsbarth (CDU), wollten sich die Abgeordneten gemeinsam das notwendige Detailwissen für das anstehende Aktenstudium aneignen. Schließlich soll der Ausschuss in erster Linie untersuchen, wieso die Bundesregierung 1983 entschied, sich bei der Suche nach einem atomaren Endlager auf den Standort Gorleben in Niedersachen zu konzentrieren. Doch schon der erste Auftritt eines Experten geriet zum Stellungskrieg.

Vergleich zu heute

Gutachter Kreusch wollte den Kenntnisstand von damals zum möglichen Standort Gorleben mit dem von heute vergleichen. Für seine kritische Haltung gegenüber Gorleben ist der Geologe, ehemaliges Mitglied des unter der rot-grünen Regierung eingerichteten Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandort (AkEnd), bekannt. Sogleich ermahnte ihn Flachsbarth, seine Äußerungen standortunabhängig zu gestalten. "Frau Vorsitzende, das ist ungehörig", kritisierte daraufhin SPD-Obfrau Ute Vogt. Später sprach sie von einem Maulkorb für Wissenschaftler. CDU-Obmann Reinhard Grindel konterte: "Wir bedauern die Tricksereien der Opposition, eine Sachverständigenanhörung zum Stand von Wissenschaft und Technik zu einem Anti-Gorleben-Tribunal zu missbrauchen."

Formell ging es um ein wissenschaftliches Briefing für die Politiker. In Wirklichkeit aber will die Koalition darlegen, dass die schwarz-gelbe Bundesregierung 1983 ihre Entscheidung für Gorleben auf der Grundlage des gültigen Stands von Wissenschaft und Technik getroffen habe. Und die Opposition will feststellen lassen, das Kabinett Helmut Kohls habe wissenschaftliche Kriterien zugunsten politisch-strategischer unter den Tisch fallen lassen. Die beiden Geologen indes, obwohl der eine von der Koalition, der andere von der Opposition bestellt, zeigten bei der Anhörung längst nicht einen so großen Dissens wie die Parlamentarier.

Nach Darstellung Wernt Brewitzs ließ sich das weltweite Wissen der 1970er Jahre zur Endlagerung in einer kleinen Broschüre zusammenfassen. "Länder wie die USA mit einer Nuklearwaffentechnik waren damals führend", sagte der Professor und ehemalige Mitarbeiter der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung mbH (GSF). Allerdings sei auch Deutschland wegen seiner Erfahrungen im Bergbau bei der Endlagerforschung bald an die Spitze vorgestoßen.

Granit, Ton und Salz

Brewitz referierte, in den USA sei von den drei möglichen Gesteinsformen für die Lagerung - Granit, Ton und Salz - das Steinsalz favorisiert worden sei. In Deutschland habe man zudem auf eine 150jährige Erfahrung im Salzbergbau zurückschauen können.

Im Vordergrund der damaligen internationalen Forschung habe das Verhalten der Gesteine gelegen, erläuterte Brewitz. Bei Granit sei man zum Ergebnis gekommen, dass dieses Gestein zwar trocken sei, aber in Rissen Feuchtigkeit aufweise - ein Risiko bei der Lagerung. Daher sei bei Granit mit einem Kupfermantel rund um den Abfall geprobt worden, der eine Haltbarkeit von 10.000 Jahren habe, sowie mit dem Einsatz eines Bentonitgesteins, welches eine Art Damm zu möglichen Wasserkontakten bildet. Bei einem Lager im Salz könne man auf diese technischen Hilfsmittel verzichten, das sei der große Unterschied.

Keine klaren Kriterien

Jürgen Kreusch dagegen unterstrich, bei der Suche nach einem Endlager sei es wichtig, sich nicht auf einen Standort zu beschränken, also nicht lediglich nach einem "geeigneten" Standort zu suchen, sondern den "bestmöglichen". "Es wäre dumm, einen Standort nicht sorgfältig zu suchen", sagte er. So sei eine Mission am meisten Erfolg versprechend, wenn sich gleich drei oder vier Standorte mit hoher Wertigkeit zur Entscheidung anböten. "Nur so lassen sich im Vergleich Unsicherheiten minimieren." Dem widersprach Brewitz: "Es ist ratsam, erst einmal einen Standort genau zu untersuchen und die Fachleute entscheiden zu lassen." Komme man zu einem negativen Ergebnis, sei immerhin eine "Messlatte" für andere Standorte geschaffen. Kreusch erwiderte: "Es ist zwingend, gleich mehrere Orte zu untersuchen. Nur so kann man im Vergleich die geringste Rest-unsicherheit ermessen."

Ein wichtiges Kriterium für die Eignung sei die Beschaffenheit des Deckgebirges über einem Lager, sagte Kreusch: "Das Gebirge hat eine Barrierefunktion." Auf Nachfrage räumte Brewitz ein, dass man 1983 diese Wertigkeit so noch nicht erkannt hätte. "Es gab damals noch keine ganz klaren Kriterien zur Bewertung, sondern mehr Aspekte wie die Erkundungsergebnisse und anschließende Modellrechnungen", sagte Kreusch. Seiner Meinung nach, gibt es bei der Entscheidung zwischen Ton, Salz und Granit kein bestes Wirtsgestein: "Solch eine Entscheidung lässt sich nur standortspezifisch treffen." In der kommenden Woche wird der Ausschuss die Anhörung von Sachverständigen fortsetzen. Dann soll es um die Frage gehen, wie Gorleben in den Fokus der Wissenschaftler bei der Suche nach einem Endlager kam.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag