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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
»Bleiben Sie dran!«

Haben Sie es gehört? Nein? Kein Wunder, es war ja auch nichts zu hören. Und nichts zu sehen. Kein infernalisches Vuvuzela-Getröte in den Public-Viewing-Areas der Republik, keine lautstark hupenden Autokorsos in den Innenstädten, keine bierseligen Siegesgesänge auf den Fanmeilen, kein schwarz-rot-goldenes Fanhnenmeer. Nur einmal, da erklang die Nationalhymne. Schade eigentlich. Dabei hatte dieses Spiel doch wirklich alles, was zu diesem Sport gehört.

Entgegen der Erwartungen zeigte die hoch favorisierte Mannschaft ganz erhebliche Probleme in der Offensive und selbst in den Abwehrreihen taten sich große Lücken auf. Die vermeintlich Unterlegenen nutzten hingegen gnadenlos jede sich bietende Gelegenheit zu traumhaften Kontern - auch wenn ihnen letztlich nicht der Siegtreffer gelingen wollte. So entwickelte sich ein wahrhafter Krimi im größten und wohl schönsten Stadion des Landes. Nach Ablauf der regulären Spielzeit roch es verdächtig nach einer Sensation. Doch in der Verlängerung fand der Favorit dann besser ins Spiel. Im Elfmeterschießen entfaltete er dann seine große Platzüberlegenheit.

Und es war eine wirklich faire Partie, in der sich fast alle Kontrahenten den nötigen Respekt erwiesen. Selbst die so oft gescholtene Schiedsrichterleistung war erste Sahne. Der Schiri drohte nur einmal zum Auftakt der Begegnung drei rüpelhaften Spielern kurz, aber nachdrücklich mit der Möglichkeit eines Platzverweises. Dann konnte er gelbe und rote Karten stecken lassen.

Selbst nach dem Abpfiff zeigten sich alle zufrieden. Manch einer fühlte sich gar als Sieger der Herzen. Ein Spiel, das wirklich wieder Lust auf einen Sport machte, der so oft in Misskredit steht. Nur die große Fanparty vor dem Stadion fehlte. Vielleicht das nächste Mal. Wie sagte doch einer der Spieler zum Abschluss: "Bleiben Sie dran!".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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