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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Jüngste: Agnes Malczak

Und nun auch noch die Bundesversammlung. Schon die Bundestagswahl im vergangenen Herbst hat das Leben der Agnes Malczak radikal verändert, neue Erfahrungen, Herausforderungen gebracht, sie aus ihrer zehn Quadratmeter großen Klause in einem Tübinger Studentenwohnheim in das Abgeordneten-Bürohaus am Berliner Boulevard "Unter den Linden" katapultiert: Mit 25 Jahren ist die Grünen-Politikerin die jüngste Bundestagsabgeordnete. Dass sie schon in dieser Wahlperiode auch über das Staatsoberhaupt mitzubestimmen haben würde, konnte sie bei ihrem Einzug ins Hohe Haus noch nicht wissen - regulär, ohne Horst Köhlers Rücktritt, wäre die Kür eines neuen Bundespräsidenten erst 2014 fällig geworden, nach der nächsten Bundestagswahl. Doch Malczak schätzt auch diese Aufgabe: "Die Bundesversammlung wird ein feierlicher, bewegender Moment", sagt sie im Vorhinein. Sie fixiert eine Flasche Orangensaft auf dem Tisch, zwirbelt an ihrem hennagefärbten Haar. Manchmal tut Schweigen gut. Dann hebt ihre Stimme an: "Mit dem Gongschlag zur Bundesversammlung wird mir wieder klar, dass dieses Land seinen Bürgern ermöglicht, es selbst zu gestalten."

Im Regierungsviertel der Hauptstadt mangelt es nicht an Worten. Politiker und Journalisten, Verwaltungsmenschen und Lobbyisten - im Stakkato wird hier das politische Leben des Landes dekliniert. Da geben Malczaks Redepausen Raum zur Besinnung. Zu sagen freilich hat die 25-jährige Volksvertreterin genug: "Auch mit 16 wollte ich Anstöße geben, etwas bewegen und Spaß dabei haben", erinnert sie sich: "Das hat sich bis heute nicht verändert."

Es geht eben auch ohne Sprachhülsen, Malczak indes nutzt auch diese: "Bei meinen Schwerpunktthemen Wehrpflicht und Abrüstung gibt es zwar eine Nähe zur FDP", sagt sie, "aber ich sehe nur butterweiche Schaufensterreden". Ist Opposition für Parlamentsneulinge einfacher? Ihr Lächeln gefriert. "Die Themen von Krieg und Frieden können nur nach eigenem Gewissen beschieden werden. Allein um des Koalitionsfriedens willen jedenfalls hätte ich zum Beispiel nie für den Kosovoeinsatz der Bundeswehr 1998 gestimmt."

Als sie in der Wahlnacht im September 2009 um 04:30 Uhr erfuhr, dass sie mit Platz Elf der baden-württembergischen Landesliste ins Parlament ziehen würde, nahm die Grüne ihren Rucksack ("den hatte ich vorsichtshalber vorher gepackt") und vier Stunden später den Zug nach Berlin. Während der Fahrt rief der Parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck an: Glückwunsch und die Frage, in welchen Ausschuss sie denn wolle. Die Politikstudentin mit Schwerpunkt auf Friedens- und Konfliktforschung zog es in den Verteidigungsausschuss. Beck sagte nur: Okay. Am Bahnhof in Berlin erwartete sie bereits ein Kamerateam der Deutschen Welle; wegen ihres Alters ist mediale Aufmerksamkeit ein ständiger Begleiter. Heute, neun Monate später, tippt sie bestimmt mit dem Zeigefinger auf den schweren Schreibtisch: "Mein Leben hat sich verändert, aber ich mich nicht." Es klingt trotzig. Aber mit Brüchen kennt sie sich aus.

Malczak war vier, als ihre Eltern aus Niederschlesien nach Dortmund zogen. Der Großvater stammte aus Deutschland, außerdem: "Meine Eltern haben sich von der Demokratie hier mehr versprochen." Und ihre Agnieszka sollte eine gute Bildung erfahren. In der neuen Heimat machte Malczak auf einer katholische Privatschule Abitur, plante sorgfältig ihre politische Karriere. 2004 trat sie der "Grünen Jugend" bei, engagierte sich an der Uni: "Ich übernahm einfach Aufgaben, und die wurden immer größer." Sie wurde Trainee bei Tübingens Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer, war Stipendiatin der Böll-Stiftung.

Das Telefon klingelt. Wegen der Bundesversammlung muss Malczak Termine verlegen, zum Beispiel bei der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. "Zwar spreche ich mit meinen Eltern noch oft Polnisch", sagt die Abgeordnete, "aber meine Biografie hatte ich mir kaum bewusst gemacht." Durch das Mandat sei ihr diese viel deutlicher geworden. Es gibt eben doch Zeit zur Besinnung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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