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Simone Schlindwein
Kampf ums letzte Stück Vieh

WÜSTENFLÜCHTLINGE Ein ganzer Landstrich im Nordosten Ugandas vetrocknet - Ausweg Bodenschätze?

Es ist schon dunkel in Ugandas Hauptstadt Kampala, nur an der zentralen Kreuzung herrscht noch Betrieb. Kaum halten Autos, stürmen dutzende Straßenkinder die Fahrbahn und betteln um ein paar Schilling. Die dunkle Farbe ihrer Haut, die Tätowierungen um die Augen verraten: Es sind Kinder aus Karamoja, dem Armenhaus im Nordosten.

Sie sind nach Kampala geflüchtet, um dort zu überleben. In Karamoja herrscht seit vier Jahren Dürre. Der Boden ist verwüstet, es gibt kaum mehr einen Tropfen Wasser. Hunderte, vielleicht sogar tausende Karamojong machen sich Monat für Monat auf in die Hauptstadt am Victoriasee. Die Zahl der Bettelkinder auf Kampalas Straßen - sie nimmt täglich zu. Die Regierung versucht, mit radikalen Maßnahmen, das Problem der Wüstenflüchtlinge in den Griff zu bekommen: Wie Vieh laden die Polizisten die Straßenkinder auf einem Lastwagen und fahren sie aus der Stadt hinaus. Rund 300 Kilometer außerhalb Kampalas hat die Regierung ein sogenanntes Rehabilitationszentrum eingerichtet: eine verfallene Schule, in der die Kinder auf dem blanken Boden schlafen müssen: Vor der Schule, nicht weit weg - eine Straßensperre. Polizisten durchsuchen jedes Fahrzeug nach Karamojong-Kindern, die sich in die Haupstadt flüchten, denn Kampala, Austragungsort für internationale Konferenzen und Gipfel der Afrikanischen Union, protzt gern mit glänzenden Fassaden.

Die Heimat der Karamojong ist eine Flugstunde von Kampala entfernt. Schon vom Flugzeug aus sieht man: Hier oben, im heißen Nordosten Ugandas, wächst kein Grashalm mehr.

Unter einem Baum hocken die Stammesältesten. Sie tragen bunte Tücher um ihre knochigen Schultern. Ringe baumeln von ihren Ohren. Die Männer des Apa-Lopama-Clans gehören zu den Nomadenstämmen Karamojas, nahe der Grenze zu Kenia und Sudan. Auf rund eine Million wird die Bevölkerung der Region beziffert. Die Karamojong sind Halbnomaden. Die Jungen und Männer ziehen mit ihren Rinderherden durch die Hochebene auf der Suche nach Weideflächen und Trinkwasser. Ihre Stimmung ist aufgebracht. Die Brunnen in der Region sind fast ausgetrocknet. Ausgedörrte Flussbetten bezeugen eine lange Dürreperiode. Nur die Rinder geben noch Flüssigkeit her. "Wir trinken die Milch und das Blut", sagt Timothy Aisu, einer der Stammesführer. Sein Kraal wurde vor wenigen Tagen überfallen, 600 Rinder gestohlen, vier Männer getötet. Jetzt plant Aisu einen Gegenangriff, um sein Vieh zurück zu erbeuten.

Der Streit um das Vieh prägt traditionell das Verhältnis zwischen den Stämmen. Seit immer weniger Regen fällt, legen die Klans auf der Suche nach Wasserstellen für das Vieh weite Strecken zurück. Sie sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Dabei fallen sie mitunter auch in die Territorien der Nachbarklans ein, überschreiten sogar die Grenze zu Kenia und Sudan. Dies führt zu vermehrten Kämpfen; die Krieger streiten sich um jede braune Pfütze, um jeden Fleck vertrocknete Wiese, die noch Futter für die Rinder hergibt. Es ist ein Kampf um Leben oder Tod geworden. "Die Rinder sind unsere einzige Nahrungsquelle", seufzt Aisu. Er wirkt schwach, aber entschlossen: "Wir haben uns Waffen besorgt. Wenn wir einem anderen Stamm begegnen, dann stehlen wir seine Rinder."

Die Hochebene galt lange Zeit als Ugandas vergessener Wilder Osten. Dikator Idi Amin bezeichnete die Karamojong als "zurückgeblieben", weil sie keine Kleidung tragen. Die Vernachlässigung der Region spiegelt sich bis heute in den Statistiken wider. 82 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, ihre Lebenserwartung beträgt statistisch 47,7 Jahre. 75 Prozent der Kinder sind unterernährt. "Das ist die schlimmste humanitäre Katastrophe, die wir seit zehn Jahren gesehen haben," sagt Paul Smith Lomas, Oxfam-Direktor für Ostafrika.

In der nationalen Kriminalitätsstatistik steht Karamoja ganz oben. Mehr als 400 Verbrechen verzeichnet die Polizei jeden Monat. Am Straßenrand liegen Leichen - der Boden ist zu hart, um die Getöteten zu begraben. Mehr als die Hälfte der in die Region abgesandten Polizisten hat wegen der hohen Kriminalität den Befehl verweigert. Deswegen ist jetzt die Armee in Karamoja stationiert. Sie versucht vor allem, die Waffen einzusammeln. "Doch ohne Waffen", verteidigt sich Aisu, "kann mein Kraal das Vieh nicht gegen die benachbarten Stämme verteidigen." Aus Kenia und Südsudan fallen immer wieder Nomaden ein, deswegen besorgen sich die Karamojong stets neue Waffen.

Das kürzlich erwachte Interesse der Regierung, die Region zu befrieden, kommt nicht von ungefähr. In Karamoja wurden Rohstoffe entdeckt: Gold, Kupfer, Zink und Diamanten. Präsident Yoweri Museveni hat seine Frau Janet zur Ministerin für Karamoja ernannt. Auf einem Lastwagen tourt sie durch die Hochebene. Zwar fließt jetzt reichlich Geld nach Karamoja, doch es versickert dort im Sand. Für 1,6 Millionen Dollar wurde 1991 im Kotido-Distrikt ein Damm errichtet, der das seltene Regenwasser auffangen soll. 1998 stürzte der Damm ein, 2005 wurde er erneuert. Doch er hielt nur fünf Jahre: "Die Arbeitsqualität war schlecht, die Materialien ungeeignet, er braucht dringend eine neue Befestigung", erklärt Frau Museveni. Doch solange kein Wasser gespeichert werden kann, lässt sich kein Getreide anbauen. Dies hat auch Auswirkungen auf die Kultur der Karamojong.

Simon Obiang steht zwischen ein paar dürren Hirse-Stengeln. Sie sind eingegangen, als der letzte Regen seinen kleinen Acker überflutete. Der 21-Jährige rupft ein paar leere Hülsen ab. "Daraus brauen wir unser Getränk, Sorghum", sagt er stolz. Obiang will sich in der Frauen-Siedlung ein Mädchen auszusuchen. Doch er seufzt: "Solange wir kein Sorghum haben, kann ich nicht heiraten", sagt er. "Ohne Sorghum feiert der Klan keine Hochzeit." So werden derzeit in Karamoja zahlreiche uneheliche Kinder geboren - die meisten enden bettelnd in der Hauptstadt.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Zentralafrika.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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