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Gérard Al-Fil
Malochen bis zum Kollaps

DUBAI Von kolossalen Bauten und monumentalen Verstößen

Gerade war Erwin Meier noch in Deutschland beruflich unterwegs, schon befindet er sich in der arabischen Wüstenmetropole Dubai - bei 45 Grad im Schatten und feuchter Hitze. Meier ist geschäftsführender Direktor der Mittelost-Niederlassung des Pumpen- und Armaturenherstellers KSB aus dem pfälzischen Frankenthal. Seine 22 Mitarbeiter im Freihafengebiet Dschabal Ali besucht der Ingenieur ausschließlich früh morgens oder am späten Nachmittag, sonst ist es einfach zu heiß. Doch das Schwitzen lohnt sich: Etwa 18 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet allein KSB in Dubai pro Jahr. "Pleite sind die Vereinigten Arabischen Emirate noch lange nicht", sagt Meier.

Dubai ist eine Stadt der Superlative mitten in der Wüste: Hier entstehen neben dem mit 828 Metern höchsten Bauwerk der Welt künstliche Inseln, riesige Hochhauskomplexe und Vergnügungsparks. Nur die Wirtschaftskrise stoppte den Boom teilweise: Viele Bauprojekte liegen seit Ende 2008 auf Eis. Die Bedingungen für ausländischen Firmen und Investoren sind trotzdem ideal: Das Emirat lockt mit steuerfreien Gehältern für die Angestellten und dem Recht, sich die Mitarbeiter in den 29 Freihandelszonen der Vereingten Arabischen Emirate frei auszusuchen.

Um den Bauboom am Laufen zu halten, werden natürliche Ressourcen gnadenlos ausgebeutet. "Wir verbrauchen im Jahr 24 Mal mehr Wasser als wir erneuerbare Ressourcen haben", warnt Mohammed Al Bowardi, Direktor der Umweltagentur in Abu Dhabi. Ingenieur Erwin Meier sagt: "Der steigende Wasserbedarf kann nur mit entsalztem Meerwasser gedeckt werden."

Finanziert und geplant werden die Prestigebauten Dubais meist von westlichen und arabischen Unternehmen. Die Knochenarbeit auf dem Bau machen hingegen fast ausschließlich Arbeiter aus Südostasien. Sie arbeiten unter äußerst harten Bedingungen. Im Sommer ist es unerträglich heiß, die Luftfeuchtigkeit liegt teilweise über 90 Prozent, die Sonne brennt. Bauarbeiter Vijay, der an Wohngebäuden rund um die künstliche Skihalle "Ski Dubai" arbeitet, darf zwar mittlerweile mittags den Hammer hinlegen - "Vorschrift seit 2008", wie der aus dem südindischen Kerala stammende Fliesenleger betont: "Dennoch ringt uns die Wüste viel Energie ab - egal ob als Ingenieur oder Bauarbeiter", fügt er hinzu.

Während die Dubaier in luftigen Hochhäusern wohnen, fristen die Arbeiter aus Bangladesch oder Indien ein karges Dasein in engen Baracken am Stadtrand. Während die Einheimischen mit gekühlten Geländewagen umherfahren, bleiben für die Gastarbeiter nur alte Busse mit eingeschlagenen Fensterscheiben.

Jeden Monat werden rund 5.000 Bauarbeiter in das Rashid Hospital eingeliefert - wegen von Hitze verursachten Krankheiten. Meist leiden sie unter Dehydrierung. "Der Bausektor Dubais ist durchzogen von einer langen Kette von Hitzeopfern", sagt Sarah Leah Whitson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die Organisation kritisiert, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der Gastarbeiter in dem Wüstenstaat "moderner Sklaverei" ähnelten. Den Arbeitern würden vielfach die Pässe entzogen, was sie vollkommen abhängig mache von ihrem Arbeitgeber. Nach einem Bericht der Organisation sind allein im Jahr 2004 auf den Baustellen der Vereinigten Emirate über 880 ausländische Arbeiter ums Leben gekommen. Sarah Leah Whitson beklagt: "So lange die Regierung die Arbeitgeber nicht für Gesetzesverstöße belangt, werden die kolossalen Bauten auch wegen monumentaler Verstöße gegen das Arbeitsrecht in die Geschichte eingehen."

Mehr Umweltbewusstsein

Während die Arbeiter weiter um ihre Rechte kämpfen müssen, tut sich auf einem anderen Gebiet indes einiges: Dubai wird umweltbewusster. Strom und Wasser werden auf den Baustellen inzwischen sparsam eingesetzt. In den vergangenen drei Jahren wurden zudem große Kläranlagen gebaut, die auf dem neuesten Stand der Technik sind. Solar- und Entsalzungsanlagen entstehen. Und auch die Wüste gerät ins Blickfeld der Scheichs: Bereits 2001 stellte die Herrscherfamilie Al Maktoum ein 27 Quadratmeter großes Areal, das "Dubai Desert Conservation Reserve", unter Naturschutz. Zwei Jahre später wurde es auf 225 Quadratkilometer erweitert. Das Reservat ist streng geschützt und inzwischen international als Naturschutzgebiet anerkannt. Touristen dürfen es nur auf bestimmten Pfaden und im Rahmen einer geführten Tour betreten.

Seit 2004 ist der Schutz der Wüste in Dubai zudem gesetzlich verankert. Darauf ist Scheich Ahmed bin Saeed Al Maktoum stolz: "Unser Ziel ist es, ein harmonisches Gleichgewicht herzustellen zwischen dem rasanten Wachstum Dubais und der Bewahrung unserer Natur", versichert er. Ganz ohne Hintergedanken ist das Natur-Engagement der Scheichs aber wohl nicht: Immerhin locken auch Jeep-Safaris und "Dünen-Diving" in der Wüste zahlreiche Touristen nach Dubai.

Der Autor arbeitet als freier Finanzjournalist in Dubai.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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