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Marc Engelhardt
Täglicher Kampf ums Wasser

KENIA Das Volk der Massai ringt ums Überleben. Es bekommt die Folgen der Dürre nicht mehr in den Griff

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, da melken Naomi und ihre kleine Schwester Mercy schon die Ziegen. Die Tiere haben die Nacht in dem durch Dornenzweige geschützten Kraal (siehe Kasten) auf dem Hof der Eltern in Kenias Massailand verbracht. Viel Milch geben die Ziegen nicht, wegen der Dürre. Aber Naomi kennt das seit Monaten nicht anders. Die Milch reicht gerade einmal für einen Pott Tee, der die ganze Familie über den Tag bringen muss. Schweigend sitzt die Familie um das Lagerfeuer, das den fensterlosen Raum mit beißendem Rauch füllt. Naomi sammelt die Tassen ein, dann nimmt sie einen Becher Wasser für eine Katzenwäsche mit vor die Tür.

Die 14-jährige Schülerin ist als älteste Tochter für die Versorgung des Haushalts mit Wasser zuständig, so will es die Tradition. Mercy, zwei Jahre jünger, hilft ihr dabei. "Bevor ich zur Schule gehe, müssen wir wieder neues Wasser holen", sagt Naomi und schnappt sich einen Wasserkanister, der vor der Hütte steht. "Das wird dauern, der nächste Brunnen ist gut eine Stunde Fußmarsch entfernt." Naomi und Mercy beeilen sich, auf dem Weg zu sein, bevor die Sonne zu hoch am Himmel steht.

Klapperdürres Vieh

Die Massai sind Kenias und wohl auch Afrikas berühmteste Bevölkerungsgruppe. Wer rund um den Kilimandscharo - dem höchsten Berg Afrikas - unterwegs ist, kann sie nicht übersehen: die in rote Tücher gewandeten Männer und die mit auffälligem Schmuck auf der Stirn geschmückten Frauen. Die Massai bestehen bis heute auf ihre nomadische Lebensweise und jahrhundertealte Traditionen. Gesellschaftlicher Status wird vor allem anhand der Rinderherde gemessen: Je größer die Herde, desto reicher ist ihr Besitzer. Geschlachtet werden die wertvollen Tiere nur bei besonderen Anlässen. Hauptnahrung der Massai ist Milch, gemischt mit vorsichtig abgezapftem Rinderblut. Doch die Lebensbedingungen der Massai verschlechtern sich stetig. Als Hauptgrund gelten der Klimawandel und seine Folgen: Dürre, Wassermangel - also fortschreitende Verödung der Böden.

Naomis Cousin Tanchu sieht die Auswirkungen dieses Wandels jeden Tag mit eigenen Augen. Seit Sonnenaufgang steht er mit seinem Vater, dem halbblinden Mzee (Suaheli für "weiser Mann") Karawuo in dem Kraal aus dichten Dornenbüschen. Zusammen untersuchen die beiden das klapperdürre Vieh auf seinen Zustand. Die Tiere sind der traurige Rest der von Karawuo in seinem langen Leben mühsam aufgebauten Herde. "Ich hatte einmal 150 Kühe", erinnert der alte Mann sich. "Jetzt habe ich noch sieben, weil es einfach nicht genug Futter für sie gibt. Früher waren die Dürreperioden nicht so lang, da sind wir mit den Kühen einfach weggezogen. Seit einigen Jahren aber häufen sie sich, und sie treffen das ganze Land."

Das letzte Kapital

Jeden Tag sucht Tanchu nach neuen Weidegründen für sein dürres Vieh. In einer Reihe verlassen die kraftlosen Rinder den Hof, begleitet von Tanchus Zischen und Schnalzen. Doch statt Weidegras bedeckt Staub die Savanne. Der 12-jährige Tanchu ist ratlos: Mit den Kühen stirbt das letzte Kapital seiner Familie. Und auch er selbst hat den ganzen Morgen Durst. Oft nimmt er den ganzen Tag lang außer einem Glas Wasser aus einer kleinen Plastikflasche kaum etwas zu sich.

Als Tanchu eine Stunde vor Mittag den Damm erreicht, wo er für sich und das Vieh bislang immer noch ein bisschen Wasser gefunden hat, ist dort kaum mehr als eine Staubwüste zu erkennen. Der Boden ist hart wie Stein, ausgetrocknet. "In der Regenzeit gab es hier Wasser, aber jetzt ist der Damm endgültig ausgetrocknet", sagt Tanchu und seufzt. "Und der nächste Brunnen ist mehr als drei Stunden Fußmarsch entfernt."

Die Geschwister Naomi und Mercy haben inzwischen den Brunnen erreicht. Eine schleimige Pflanzendecke bedeckt das letzte Wasser in dem offenen Loch, das tief in die Erde gegraben worden ist. Mühsam klettert Naomi einen mehrere Meter tiefen Abhang bis zum Wasserrand hinunter, während Mercy oben wartet. Als Naomi den vollen 20-Liter-Kanister in die Höhe wuchtet, lässt Mercy ihn fast fallen, so schwer ist er. Doch mit Hilfe einer wartenden Mutter schafft sie es, kaum einen Tropfen des kostbaren Wassers zu vergießen. Naomi füllt unterdessen den kleineren der beiden Kanister mit Wasser.

Immer wieder bahnt sich auch Vieh seinen Weg zum Wasserloch, um zur Tränke zu gehen. So ist es kaum ein Wunder, dass sich Durchfall und andere Krankheiten von hier schnell ausbreiten können. "Das Brunnenwasser schmeckt nach Salz, Schlamm und den Pflanzen, die oben drauf schwimmen", seufzt Naomi. Aber weil es kein anderes Wasser gibt, kann sie es sich nicht leisten, wählerisch zu sein.

Auf Wanderschaft

Der schwerste Teil der Arbeit liegt vor ihr: Mit einem Stoffband an ihrem Kopf befestigt, trägt sie den vollen 20-Liter-Wasserkanister durch das ausgetrocknete Flussbett zurück in das weit entfernte Zuhause. "Der Rückweg dauert länger", erklärt das junge Mädchen das Selbstverständliche. Frühestens in zwei Stunden, schätzt sie, wird sie in der Schule sein.

Ihr Cousin Tanchu kann an einen Schulbesuch erst gar nicht denken. Einsam führt er seine klägliche Herde durch die staubige Landschaft in Richtung der letzten Quelle, die noch Wasser führt. Tanchus Brüder haben wie die meisten älteren Hirten den elterlichen Kraal längst verlassen. Sie haben sich dem wachsenden Treck derjenigen angeschlossen, die mit ihrem Vieh auf Wanderschaft gehen und dabei hunderte Kilometer zurücklegen. Andere ziehen in die Städte, um dort zu arbeiten, und lassen Frau und Kinder zurück.

Regenwasser aus dem Tank

Während Tanchu seiner Quelle langsam näher kommt, erreichen Naomi und Mercy endlich die Schule. Der Frühunterricht ist schon vorbei, die Kinder stehen in einer langen Schlange an. Schnell reihen Naomi und Mercy sich ein, sie strahlen vor Begeisterung. "Früher mussten wir unser eigenes Wasser mitbringen, aber jetzt nicht mehr", erklärt Naomi. Als die Lehrerin den Wasserhahn offnet und Naomis Becher füllt, gluckst sie vor Freude. Schlürfend leert sie den Becher, streng darauf bedacht, nichts daneben laufen zu lassen.

Was die Schulkinder trinken, ist Regenwasser, das vom Spitzdach der Schule in besonders tiefe und stabile Regenrinnen läuft und von dort durch ein Rohr in den Tank - eine überdimensionierte Regentonne mit genug Wasser für die 400 Kinder, errichtet von der Welthungerhilfe.

Nicht nur fürs Trinken, auch fürs Essen wird das Wasser dringend gebraucht. In manchen Schulen liegen die Hilfslieferungen der Regierung ungenutzt im Lager. Denn was soll man mit Maismehl und Bohnen - ohne Wasser zum Kochen? Dank dem Regenwasser, das noch aus der letzten Regenzeit stammt, bekommen Naomi und Mercy heute sogar eine warme Mahlzeit. So macht der Unterricht am Nachmittag gleich mehr Spaß. Naomi hat einen Traum: sie will weiter zur Schule gehen und danach anderen Menschen helfen. "Wenn ich groß bin", sagt sie, "will ich Ärztin werden."

Auch Tanchu hat Glück gehabt: In der drei Stunden entfernten Quelle gab es noch etwas Wasser. Die Rinder muhen glücklich, während der Junge in der Dämmerung den sicheren Hof erreicht. Er musste sich beeilen: Schließlich ziehen nach Einbruch der Dunkelheit Löwen und Hyänen durch Kenias Steppe.

Als Tanchus Weg den von Naomi und Mercy kreuzt, grüßen die drei sich deshalb nur kurz. Die Mädchen müssen noch einmal die Ziegen melken, die Ziegenmilch ist zugleich ihr Abendessen. Um sieben Uhr abends ist auch der letzte Sonnenstrahl am Horizont verschwunden. Nicht viel später kuscheln Naomi, Mercy und Tanchu sich in ihre Decken. Morgen wartet ein neuer, harter Tag auf sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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