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Bert Schulz
Yazd und die traditionelle Baukunst

WÜSTENSTADT 1 Gegen die sengende Hitze Rückgriff auf 3.000 Jahre alte Kühltechnik

Gegen 17.30 Uhr beginnt das Leben wieder in Yazd. Zu dieser Zeit öffnen die Bäckereien und verkaufen ihr Fladenbrot direkt aus dem Ofen. Den Tag hat die iranische 500.000-Einwohner-Stadt in einer Art Dämmerzustand verbracht. Natürlich rief der Muezzin, und natürlich waren die Touristen unterwegs. Doch erst jetzt, als die Sonne kaum mehr in die schmalen, von erdfarbenen Mauern gesäumten Gassen der Altstadt dringt, gehen die Menschen auf die Straße, in die Basare und Geschäfte. In den Stunden zuvor ist es schlicht zu heiß.

Wie Schornsteine

Dass Touristen in die Stadt auf 1.200 Metern Höhe - gut 800 Kilometer südlich von Teheran - kommen, hat gute Gründe: Es ist eindrucksvoll, wie es Menschen seit drei Jahrtausenden gelingt, den extremen Witterungsbedingungen der zwischen zwei Wüsten gelegenen Region zu trotzen. Ein Beispiel dafür sind die Windtürme der Bürgerhäuser in der Altstadt. Diese sogenannten Badgire, oft zehn Meter hoch, sehen aus wie dicke Schornsteine, fangen jedoch jeden noch so geringen Luftzug über der Stadt auf und leiten ihn in die Wohnräume. Viele der einst prachtvollen Wohngebäude besitzen mehrere Bagdire.

Wer durch die Gassen der Altstadt schlendert, entdeckt bald noch einen Überlebenstrick: Die Ruinen einiger Häuser und ihre wie Querschnitte aufgerissenen Fassaden zeigen, dass meist zwei der drei Etagen unterhalb der Straßenebene liegen, nicht dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt und so länger merklich kühler sind.

Die Tourismusbeauftragten in Yazd haben begriffen, dass sich mit dieser alten Bausubstanz etwas verdienen lässt. So wurden einige der meist von reichen Händlern erbauten Prachtbauten renoviert und können besichtigt werden. Wer sich über mehrere Treppen zehn Meter tief in die Keller vorwagt, stößt dort tatsächlich auf fließendes Wasser. Die lebenswichtige Ressource wird durch ein auch heute noch weltweit einmaliges System von unterirdischen Wasserkanälen aus den umliegenden Gebirgen herangeführt. Rund 3.200 dieser bisweilen mehr als 100 Kilometer langen sogenannten Qanate versorgen die Stadt. Über der Erde sind davon nur die Enden der brunnenartigen Zugangsschächte sichtbar. Sie reichen zwischen 20 und 200 Meter tief in die Erde.

Die Technik wurde vor rund 3.000 Jahren in dieser Region Persiens erfunden, heute wird sie in vielen Nachbarländern des Iran und auch in Nordafrika genutzt. In einem kleinen "Wassermuseum" rühmt sich Yazd seiner großen technischen Leistung. "Aber viele Bewohner hier geben nicht mehr viel darauf", berichtet ein Mitarbeiter des Museums. Und auch die natürlich gekühlten Wohnungen in der Altstadt seien wenig beliebt. "Die Menschen ziehen lieber raus in eine der eintönigen mehrstöckigen Neubausiedlungen am Rand der Stadt - die haben eine Klimaanlage."

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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