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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Pragmatikerin: Gesine Lötzsch

Wie ruhig sie dasitzt. Blickt geradeaus, den Rücken durchgedrückt, dirigiert das Gespräch wie eine Sphinx. In einer halben Stunde bewegt sich Gesine Lötzsch ein einziges Mal. Sie steht kurz auf, um die Schreibtischlampe auszuknipsen. Vielleicht übt sie für die kommenden zwei Monate? Denn Gesine Lötzsch wird ihr Sitzfleisch strapazieren. "Bei den Sitzungen des Haushaltsausschusses haben die so genannten Eisenärsche Standortvorteil", sagt sie wie nebenbei. "Irgendwann liegen in den Nachtsitzungen die Nerven blank, und wer das stärkste Durchhaltevermögen zeigt, kann seine Forderungen eher durchbringen."

Und so wird Lötzsch als Obfrau der Linkenfraktion gemeinsam mit ihren 40 Kollegen den Etatentwurf der Regierung durchwalken und wiegen und am Ende mit entscheiden; ohne Zustimmung der Haushälter kriegt das Kabinett keinen Cent. Lötzsch spricht klar, ihre Worte sind messerscharf. "Die Lobbyisten haben ganze Arbeit geleistet", sagt sie. Ticketsteuer? "Unklar, ob sie überhaupt kommt." Weniger Ausnahmen bei der Ökosteuer? "Viel zu zaghaft." Transaktionssteuer? "Wo denn?"

Endlich darf Gesine Lötzsch wieder über den Haushalt reden. Nicht nur, weil er die zentrale Voraussetzung für Politik überhaupt bildet, sondern weil die Vorsitzende der Linkspartei endlich einmal nicht nach den Einkommensbezügen ihres Co-Chefs Klaus Ernst und nach Karteileichen in ihrer Partei gefragt wird, oder nach der Stasi oder den schlechten Umfragen. Es gibt viele Themen, über die Lötzsch nicht reden mag. "Das bin ich so oft gefragt worden", sagt die 49-jährige Abgeordnete aus Lichtenberg dann. Das sagt sie oft.

Beim Haushalt kann die Obfrau allerdings klare Kante zeigen; mäkeln doch einige in der Partei an ihr, sie wirke nicht wie eine Führungsfigur. Aus Flügelkämpfen und Personalquerelen hält sie sich heraus. Zeigt sich flexibel und moderiert. Und lässt zuweilen rätseln, wofür sie steht. Doch Lötzschs Eigenschaften sind wie gemacht für den Haushaltsausschuss, der den Abgeordneten Willen zur Kooperation und zum Konsens abverlangt. "Der Ausschuss hat Querschnittscharakter", sagt sie. "Man erhält Einblick in die Gesamtpolitik."

Deshalb wohnt sie dem Ausschuss seit ihrem Einzug in den Bundestag 2002 bei. Die PDS, Vorgängerin der Linkspartei, war gerade an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert, nur Lötzsch und Petra Pau hatten ihre Wahlkreise gewonnen. Das Frauenduo leistete Kärrnerarbeit, versuchte den Verlust des Fraktionsstatus wettzumachen. Damals hielt Lötzsch so viele Reden wie kein anderer im Plenum. "Dümmer sind wir davon nicht geworden", sagt sie heute. Das Einreichen von Anfragen, Reiseplanungen oder Nachfragen - alles nahmen die Frauen ohne helfenden Apparat selbst in die Hand.

Nicht nur im Bundestag hat Lötzsch eine Ochsentour absolviert. 1984 trat sie der SED bei, 1990 der PDS. Von 1989 bis 1990 gehörte sie der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung und von Mai bis Dezember 1990 der Stadtverordnetenversammlung von Ost-Berlin an. Von 1991 bis 2002 saß sie im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Misstrauisch wirkt sie zuweilen, nicht gerade wie eine Plaudertasche. Wer Gesine Lötzsch verstehen will, muss zu ihrem Geburtsort, nach Lichtenberg. Seit 1994 steht sie dem Bezirksverband vor, mit 1.700 Mitgliedern ist er der größte in Deutschland. "Unsere Gesine" nennen sie die promovierte Philologin dort. Auf ihrer Website erfährt der Leser mehr über Lichtenberg als über sie. Die Anzahl an Bürgerhilfen und Beratungen, welche die Seite dokumentiert, beeindruckt. Darauf auch ihr Lieblingssatz: der Linkenklassiker "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren".

In ihrem Büro hängt eine weniger pathetische Version dieses Satzes, ein Gemälde Thomas Richters. Es zeigt einen großen Fisch, der einen Mann schnappt. Jetzt bewegt sich Lötzsch doch, rutscht auf dem Stuhl hin und her, die Gesprächszeit ist um. "Vielleicht", sagt sie beim Weg zur Tür, "rettet der Fisch den Mann".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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