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Susanne Kailitz
Kampf gegen tödliche Keime

Krankenhäuser Jährlich stecken sich bis zu 500.000 Patienten an - Koalition will Infektionsschutz verbessern

Der Besuch von Marlies Volkmer in einem Krankenhaus in der vergangenen Woche bescherte ihr eine böse Überraschung: "Ich hätte nicht gedacht, dass es die alte Unsitte noch gibt, dass Krankenschwestern sich in die Hand husten und dann Patienten anfassen, ohne sich zu waschen", sagt die SPD-Abgeordnete, selbst studierte Ärztin. Überhaupt sei ihr aufgefallen, dass das Personal es mit der Handdesinfektion offenbar nicht allzu genau nehme. Ein "Unding", empört sich Volkmer, "vor allem, weil wir doch wissen, dass hochgerechnet 40 Menschen pro Tag an vermeidbaren Krankenhausinfektionen sterben."

Der Tod von drei Säuglingen an der Mainzer Uniklinik im August hat das Thema Krankenhaushygiene wieder auf die Tagesordnung gesetzt - obwohl die Kinder nicht an den gefürchteten multiresistenten Krankenhauskeimen starben, sondern weil ihre Infusionslösungen mit Darmbakterien verunreinigt waren.

Resistent gegen Antibiotika

Doch der erschreckende Befund bleibt: Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft infizieren sich rund eine halbe Million Klinikpatienten jährlich mit multiresistenten Bakterien, Viren oder Pilzen. Diese lösen Wundinfektionen, Lungenentzündungen, Herzkrankheiten oder Blutvergiftungen aus und sind resistent gegen nahezu alle Antibiotika. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sterben daran 15.000 Menschen pro Jahr, andere Berechnungen gehen von 40.000 Todesfällen aus.

Deshalb hat die schwarz-gelbe Koalition jetzt eine Arbeitsgruppe Krankenhaushygiene eingerichtet, die in den kommenden Wochen Vorschläge vorlegen will. Man werde wohl, so der FDP-Gesundheitspolitiker Jens Ackermann, "keinen eigenen Gesetzentwurf zur Krankenhaushygiene vorlegen, sondern das Infektionsschutzgesetz ändern und erweitern". Zur Diskussion stünden etwa bundeseinheitlich verpflichtende Standards für die Einrichtung von Hygienekommissionen und die Beschäftigung von Krankenhaushygienikern. Bislang haben nicht einmal zehn Prozent der deutschen Kliniken solche Stellen. Über deren Qualifikation und Aufgaben müsse noch diskutiert werden, genauso wie über die Frage, wer dafür die Kosten tragen müsse, betont Ackermann.

Auch die Opposition will in den Krankenhäusern einiges ändern: Die SPD plädiert für verbindliche Regel für alle - bislang, so Volkmer, setzten die Krankenhäuser die Empfehlungen des RKI um "oder eben nicht". Jedes Bundesland solle eine Hygieneverordnung erlassen; bislang gibt es die nur in Bremen, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Auch die Gesundheitsexpertin der Linksfraktion, Kathrin Vogler, setzt sich dafür ein, dass es in allen Kliniken ab einer bestimmten Größe Hygieneärzte gibt, denn: "Ärzte lassen sich nur ungern etwas von Krankenschwestern oder Pflegern sagen." Das, was sie ihnen zu sagen hätten, ist jedoch denkbar simpel: Das Beispiel der Niederlande zeigt, dass sich die Keime mit gezielter Desinfektion von Händen, Kleidung und Gegenständen sowie der Isolation infizierter Patienten fast auf Null reduzieren lassen.

Für Markus Dettenkofer, der am Freiburger Uniklinikum die Sektion Krankenhaushygiene leitet, ist dies das "Paradoxon der Hygiene: Allen ist klar, was gemacht werden muss, aber mit der Umsetzung hapert es." Einheitliche Hygieneverordnungen in allen Bundesländern halte er für sinnvoll und ein besseres Bewusstsein dafür, "dass es nicht schlimm ist, wenn man einmal die Händedesinfektion vergisst, dass es aber problematisch wird, wenn alle es immer vergessen". In seiner Klinik macht Dettenkofer deshalb Stichproben und legt Standards fest, die alle einhalten müssen.

Vielleicht könnte es über mehr Druck gelingen, das medizinische Personal zu mehr Sorgfalt zu bewegen: So denkt Ackermann über Melde- und Berichtspflichten und eine entsprechende Veröffentlichung in den Qualitätsberichten der Krankenhäuser nach. Das könne "Patienten sensibilisieren und sie in die Lage versetzen, sich vor der Wahl eines Krankenhauses über dessen Hygiene zu informieren". Im Zweifel könnten sie dann vor Ort nachfragen, warum der Chefarzt sich bei der Visite eigentlich nicht die Hände desinfiziert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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