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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Rheinischer Jong: Bijan Djir-Sarai

Am Morgen nach der Wahl fuhr er vom Flughafen sofort zum Reichstag. Als Bijan Djir-Sarai um neun in der Früh vor dem Schriftzug "Dem Deutschen Volke" stand, da flimmerten plötzlich die schwarzen Buchstaben, da sah er sein ganzes Leben wie in einem Film vorbeirauschen, die Kapitelle der Reichstagssäulen schienen zu wackeln. Ein Kribbeln überzog seine Kopfhaut. Djir-Sarai merkte, dass er schon vor langer Zeit in Deutschland angekommen war. Er spürte Dank in sich hochkommen. Nun war Zahltag.

"Passport" - das war das erste Wort, das Djir-Sarai in Deutschland hörte. Mit elf Jahren hatten seine Eltern ihn in Teheran ins Flugzeug gesetzt, "sie erkannten die Lage für mich als perspektivlos". Am 19. August 1987 landete er in Frankfurt am Main, voller Angst, Spannung und wenig Ahnung, was ihn erwartet. Bei einem Onkel, einem Tierarzt in Grevenbroich, sollte er sein Leben fortsetzen; Eltern und Schwester blieben zurück.

Zwölf Jahre später sitzt Djir-Sarai im vierten Stock des Jakob-Kaiser-Hauses und rührt in seinem perfekt geschäumten Cappuccino. So viel ist passiert seitdem. "Es gibt eine Konstante in meinem Leben", lächelt er. "Im Iran habe ich schon auf dem Schulhof ständig Fußball gespielt - heute stürme ich für den FC Bundestag", einer Mannschaft mit Spielern aus allen Fraktionen. Djirr sitzt für die FDP seit 2009 im Bundestag. Seine Begeisterung für den Liberalismus aber hatte sich schon im Iran geweckt. "In der ersten Klasse kam die Lehrerin einmal mit einer leeren Weinflasche in den Raum, sie fragte, ob unsere Eltern daheim so etwas hätten." Ein Junge meldete sich, man schickte ihn sofort zum Direktor. Die Islamische Revolution Ayatollah Ruhollah Khomeinis mit ihren vielen Verboten wie dem des Alkoholkonsums durchdrang auch die Welt der Erstklässler. Und es tobte der Krieg gegen den Irak. "Meine Mutter fürchtete, ich könnte als Kindersoldat eingezogen werden."

Djir-Sarai konnte kein Wort Deutsch. Heimweh zerrte, und den-noch hatte er Glück: In der Kleinstadt Grevenbroich war er willkommen. "Nachbarkinder kamen am zweiten Tag und luden mich zum Fußballspielen ein", erinnert er sich.

Und der Onkel steckte ihn, trotz eines skeptischen Rektors, ins Gymnasium. "Die ersten Monate lernte ich ein Lexikon der deutschen Sprache auswendig", sagt er; studierte Worte wie "Abarbeiten" und "Zustimmung". Mit den Jahren wurde Djir-Sarai deutsch, entwickelte den Humor der Rheinländer, fand seine Heimat. "Heute spreche ich perfekt Deutsch, esse aber immer noch perfekt persisch", sagt er lachend. Beim Essen, da entdeckt er immer wieder seine iranischen Wurzeln, hüpft sein Herz beim Anblick von Djudje-Kabab, einem gegrillten Hähnchen mit Zitronensauce. Etwas aber unterscheidet den 34-Jährigen von den Gleichaltrigen: "Gedanklich gehöre ich eher zur Nachkriegsgeneration in Deutschland." Das Gerede über die Politikverdrossenheit der Jungen könne er nicht mehr hören, "damit kann ich nicht viel anfangen". Er hat erfahren, wie Politik das eigene Leben prägen kann.

Mit 18 trat er in die FDP ein, studierte anschließend Betriebswirtschaft und promovierte. Er sagt: "Die Steuersenkungen für Hotelübernachtungen waren richtig - es wird investiert und mehr eingestellt." Die Verunglimpfung seiner Partei, sagt er, habe er nicht vorausgesehen. Im Bundestag arbeitet Djir-Sarai aber nicht zu Wirtschaft oder Finanzen. Auf Anhieb gelang ihm der Einzug in den Auswärtigen Ausschuss; in jenem Gremium sitzt der Newcomer nun unter ehemaligen Ministern und anderen verdienten Politprofis. Das Telefon klingelt. Am Apparat ist ein Lokalpolitiker. Am Abend warten der FDP-Kreisvorstand und die -fraktion Neuss auf ihn, der Fraktion steht er vor. Der Rheinländer sitzt auch im FDP-Landesvorstand in NRW, ist Vizechef des Bezirksverbands Düsseldorf. Djir-Sarai springt auf. "Ich wurde immer nach meiner Identität gefragt, dabei fühlte ich mich, als müsste ich mich rechtfertigen." Heute, sagt er, sehe er das entspannter. "Ich weiß, was ich bin: ein Mensch." Und eilt hinaus, das Taxi zum Flughafen wartet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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