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Rainer Poeschl
»Der Kissinger der Türkei«

DIPLOMATIE Ankaras neue außenpolitische Qualität

Ein US-Botschafter in Ankara nannte ihn einmal den "Henry Kissinger der Türkei": Politikprofessor Ahmet Davutoglu hatte mit seinem 2001 erschienenen Buch "Stratejik Derinlik" ("Strategische Tiefe") für Furore gesorgt und wird seither von der politischen und intellektuellen Elite des Landes mit Beifall überschüttet. Der Absolvent des renommierten türkisch-deutschen Istanbul Lisesi, der auch fließend Arabisch spricht, ist seit Mai 2009 Außenminister und wichtigster Exponent einer Politik, die der Türkei im Nahen und Mittleren Osten eine neue Rolle zuweist. "Früher" so Davutoglu, "betrachteten manche die Türkei als einen Akteur mit starken Muskeln, schwachem Magen, Herzproblemen und einem mittelmäßigen Gehirn. Will sagen: starke Armee, schwache Wirtschaft, mangelndes Selbstbewusstsein und ein Defizit an strategischem Denken." Dem setzt Davutoglu das Bild einer Türkei entgegen, die "maximale Kooperation" mit ihren Nachbarn sucht: "Heute wissen wir: Nur wer durch soft power über die Landesgrenzen hinaus Einfluss ausübt, kann sich wirklich schützen."

Das Credo seiner Politik lautet: "Keinerlei Konflikte mit unseren Nachbarn und in unserer Nachbarschaft." Ihre Erfolge sind unübersehbar. Sie hat Konflikte mit alten Erzfeinden gelöst, von Griechenland über Syrien bis zu Russland. Sollte es Davutoglu gelingen, das Verhältnis auch zu Armenien zu entgiften - worum er sich bemüht - wäre das ein Glanzstück seiner Diplomatie.

Die Türkei trat als Vermittler in Konflikten auf, so zwischen Pakistan und Afghanistan, Russland und Georgien, Bosnien und Serbien, zwischen Iran und den USA, Syrien und Israel, und der Hamas und Israel. Im Westen treffen diese Initiativen nicht immer auf Wohlwollen. Ankara galt im Kalten Krieg als treues Nato-Mitglied. Heute verfolgt die Türkei mehr ihre eigenen Interessen. Das hat sie im Grunde schon immer getan, es ist auch oberflächlich, von einer "neo-osmanischen Außenpolitik" zu sprechen. Die Türkei war nie um Schachzüge verlegen, wenn es galt, ihrer heiklen Lage als Brücke zwischen Europa und Asien und der Nähe zu einem der gefährlichsten Krisenherde der Welt gerecht zu werden. Sie ist heute in vieler Hinsicht dynamischer und einflussreicher als manches europäische Land. Wenn der Westen mit einer modernen, nicht extremistischen Türkei nicht klar käme, wie will er dann sein Verhältnis zur islamischen Welt gestalten?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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