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Parlamentarisches Profil
Nicole Alexander
Ein halbes Leben für Europa: Eva Högl

Ein wenig außer Atem stürmt Eva Högl zur Tür herein. Die SPD-Abgeordnete ist spät dran zum Gesprächstermin in ihrem Berliner Abgeordnetenbüro, zu dem sie mit dem Fahrrad gekommen ist - ihrem bevorzugten Verkehrsmittel. "Dass ich das ganze Jahr über mit dem Rad in mein Bundestagsbüro fahren kann, empfinde ich als großes Privileg", sagt die 41-Jährige mit dem burschikosen Kurzhaarschnitt lachend. Denn der Berliner Regierungsbezirk - er liegt mitten in ihrem Wahlkreis. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass es der promovierten Juristin gelang, das Direktmandat für Berlin-Mitte, den wohl prominentesten Wahlkreis der Republik, zu holen.

Selbstverständlich war das keineswegs. Die Sozialdemokraten erzielten bei der letzten Bundestagswahl ein dramatisch schlechtes Ergebnis, auch Högls Wahlkreis, unter ihrem Vorgänger, dem Finanzpolitiker Jörg-Otto Spiller, viele Jahre eine sichere Bank für die SPD, musste hart erkämpft werden. 26 Prozent der Erststimmen erhielt die ehrgeizige Niedersächsin am Ende. Kein Traumergebnis, aber unter den damaligen Umständen doch eine beachtliche Leistung.

Überhaupt läuft es politisch und beruflich seit langem ziemlich rund im Leben von Eva Högl, die seit 23 Jahren in der SPD aktiv ist: Nach Jura-Studium und Promotion über europäisches Arbeits- und Sozialrecht war sie als Referentin im Bundesarbeitsministerium tätig, stieg dort 2006 zur Europabeauftragten des damaligen Arbeitsministers Franz Müntefering (SPD) auf. Dann der Wechsel von Beamtin zu Volksvertreterin: Im Januar 2009 rückte Högl für ihren Fraktionskollegen Ditmar Staffelt, der zum Luft- und Raumfahrtunternehmen EADS ging, in den Bundestag nach, bevor sie einige Monate später mit Berlin-Mitte ihren eigenen Wahlkreis eroberte. Ihrem Herzensthema ist sie im Parlament treu geblieben: Europa. Wenn die Rede auf das Zusammenwachsen des Alten Kontinents kommt, beginnen ihre Augen zu leuchten: "Die Idee, dass Menschen über Grenzen hinweg zusammen gebracht werden, dass Volkswirtschaften zusammen arbeiten, die finde ich großartig. Europa ist eine tolle Sache, für die man sich einfach engagieren muss", so Högl, die im Bundestag Mitglied im Europaausschuss und im Rechtsausschuss ist.

Ihre Leidenschaft für Europa entdeckte sie in den Niederlanden, wo sie 1990 ein halbes Jahr lang studierte - just zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung, die im damals europabegeisterten Nachbarland mit großer Skepsis beobachtet wurde. Ihre Kommilitonen und sie hätten damals heiß diskutiert, ob und wie ein wiedervereinigtes Deutschland in die EU eingebunden werden könne, erinnert sich Högl an diese spannende Zeit vor genau 20 Jahren. An der Uni Leiden entdeckte die damals 21-Jährige zudem das Europarecht für sich. "Wie regelt man eigentlich dieses große Gebilde Europa rechtlich? Diese Frage finde ich als Juristin bis heute unglaublich faszinierend", sagt Högl und spricht mit einer Begeisterung über ihren aktuellen Arbeitsschwerpunkt, die EU-Richtlinie "Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr", die nahezu ansteckend wirkt. Dass längst nicht alle ihre Liebe zu Europa teilen, stößt ihr mitunter durchaus bitter auf. Als einen "Tiefpunkt der europäischen Diskussion" empfand sie etwa die Debatte über das Rettungspaket für Griechenland in den deutschen Medien. "Dieses Bild, das da teilweise gezeichnet wurde von den angeblich faulen Griechen, die mit einem Glas Wein vor ihren Tavernen in der Sonne sitzen und sich von uns Deutschen aushalten lassen - das hat mir richtig wehgetan", sagt Högl, die mit einem Architekten verheiratet ist, nachdenklich. "So etwas darf man sich in Europa einfach nicht erlauben."

Sie selbst tritt für eine vertiefte Integration ein, in der die Nationalstaaten noch mehr Kompetenzen an Europa abgeben. "Eine Antwort auf Armut in Europa möchte ich gerne auf europäischer Ebene haben. Themen wie die Sicherung von Löhnen, grenzüberschreitende Tarifverträge, soziale Sicherung sollten wir nicht nur im nationalen Rahmen diskutieren, sondern in Europa", findet Högl. Eines kann man ihr in Zeiten grassierender Europaskepsis jedenfalls nicht vorwerfen: Dass sie dem Wahlvolk nach dem Maul redet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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