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Streitgespräch mit Max Lehmer (CSU) und Ulrike Höfken (Grüne)
»Nicht zur Armut verdammt«

MAX LEHMER (CSU) UND ULRIKE HÖFKEN (GRÜNE) Nach ihrer Afrika-Reise diskutieren die Agrarexperten über Hunger, Gentechnik - und die Weltschweinekonferenz

Sie haben Ende September Äthiopien, Kenia und Uganda bereist, um sich zu informieren, wie man den Hunger am besten bekämpft. Sind Sie nach Ihrer Reise optimistisch, dass das gelingen kann - oder haben Sie alle Illusionen verloren?

Höfken: Es wäre übertrieben zu sagen, ich wäre optimistisch. Die Länder sind nicht zur Armut verdammt. Es gibt dort durchaus Bemühungen, die ländlichen Räume weiter zu entwickeln. Aber die Frage ist: Wie nachhaltig sind diese Entwicklungen - und warum hat sich in den letzten 20 Jahren nichts entscheidend geändert?

Lehmer: Ich habe viele positive Eindrücke gesammelt, fühle mich aber auch ernüchtert: Denn Hunger ist in diesen Ländern ein elementares Problem. Ich habe mich gefragt, wie Deutschland als innovatives Land helfen kann, damit mehr Nahrungsmittel hergestellt werden können? Aber ich bin nicht deprimiert, weil durchaus Möglichkeiten da sind.

Äthiopien ist ein Land mit viel fruchtbarem Boden. Wieso kann nicht einmal dieses Land seine eigene Bevölkerung ernähren?

Höfken: Das haben wir den äthiopischen Landwirtschaftsminister auch gefragt - er konnte uns aber keine klare Antwort darauf geben. Der Klimawandel wird zu recht als Grund angeführt: Regenzeiten kommen nicht mehr regelmäßig, Dürren stellen die Länder vor große Anpassungsprobleme. Viele Bauern bauen Lebensmittel ausschließlich für die eigene Familie an, sie betreiben Subsistenzwirtschaft. Damit können sie den wachsenden Bedarf der Bevölkerung nicht decken.

Aber auch die Eliten sind nicht unschuldig: Es gibt Korruption, eine ungerechte Verteilung von Land und Ressourcen und mangelhaften Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem.

Lehmer: Frau Höfken, ich teile Ihre Analyse nicht ganz. Der Klimawandel ist sicherlich ein Problem, das sich aber lösen lässt, wenn man die Produktionssysteme entsprechend anpasst. Schließlich ist die Regenmenge in Äthiopien doppelt so hoch wie in Deutschland - nur die Verteilung ist sehr ungleichmäßig. Deshalb muss das Wassermanagement besser ausgebaut werden.

Woran hapert es denn noch?

Lehmer: In Äthiopien werden nicht alle fruchtbaren Flächen genutzt: Insgesamt könnte man 51 Millionen Hektar bewirtschaften, angebaut wird aber nur auf 12 Millionen Hektar. Die Produktivität ist viel niedriger als in Deutschland. Knapp die Hälfte der Ernte wird von Schädlingen gefressen oder verdirbt im Lager. Fatal ist auch, dass viele Landbewohner in Slums an den Rändern der Städte ziehen, wo sie sich dann nicht selber versorgen können.

Das sind eine Menge Probleme, die Sie vor Ort erlebt haben. Wo soll man da überhaupt anfangen?

Lehmer: Für diese Probleme braucht man mehrschichtige Ansätze. Beispielsweise braucht man Menschen, die neue Methoden einführen und in der Dorfgemeinschaft als Multiplikatoren dienen. So haben wir zum Beispiel einen fortschrittlichen Dorfbewohner besucht, der mit dem Anbau von Obst und Gemüse den anderen gezeigt hat, wie man über den eigenen Bedarf hinaus produzieren kann, um sich Geld am Markt zu verdienen. Die globale Herausforderung wird sein, in 30 bis 40 Jahren über 9 Milliarden Menschen zu ernähren. Das ist nur mit erheblich gesteigerten Erträgen möglich.

Müsste man nach Jahrzehnten der Entwicklungshilfe hier nicht schon viel weiter sein?

Lehmer: Ich will nicht beurteilen, wie gut oder schlecht die Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten war. Wir haben es bislang jedenfalls nicht geschafft, dass Kleinbauern genügend für sich und andere produzieren.

Höfken: Offenbar hat das bisher deshalb nicht geklappt, weil die Eliten ländliche Entwicklung nicht unterstützen. Aber auch die deutsche Entwicklungshilfe hat die ländlichen Räume eine ganze Weile sehr vernachlässigt. Inzwischen hat sich das glücklicherweise geändert.

Bis 2050 soll die Weltbevölkerung um zwei Milliarden Menschen steigen. Die UN-Welternährungsorganisation FAO hat ausgerechnet, dass 70 Prozent mehr Lebensmittel produziert werden müssten, um alle zu ernähren. Könnte Gentechnik dieses Problem lösen?

Höfken: Die Bearbeitung des Landes kann man mit relativ einfachen Mitteln verbessern. Dafür braucht man keine Gentechnik. In den Ländern, die wir bereist haben, spielte Gentechnik auch kaum eine Rolle. In Äthiopien war ihr Einsatz sogar verboten.

Lehmer: Ich möchte keine Technologie von vornherein ausschließen. Bei der grünen Gentechnik geht es doch um die Frage, ob man bestimmte Eigenschaften, die in der Natur vorhanden sind, bei Nutzpflanzen einsetzen kann. Beim Getreideanbau in Äthiopien gibt es große Probleme mit der Pilzkrankheit Gelbrost, die teilweise 60 Prozent der Ernte zerstört. Wenn wir eine Getreidesorte entwickeln, die widerstandsfähig gegen Gelbrost ist, tun wir doch etwas Segensreiches. Der biologisch-technische Fortschritt wird auf jeden Fall eine zentrale Rolle bei der Bewältigung des Hungers spielen.

Höfken: Einspruch! Ich spreche der sogenannten "grünen Gentechnik" dieses Potential absolut ab, sie erhöht im Gegenteil das Risiko. Sie ist eine reine Marktbeherrschungsstrategie im Interesse von Konzernen. In Argentinien, wo auf Millionen von Hektarn genveränderter Soja angebaut wird, gibt es inzwischen massive Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit dieser Technik.

Welche Rolle spielt Deutschland denn beim Welthunger? Wir sind das dritt- erfolgreichste Agrarexportland weltweit. Gleichzeitig geben die Industrieländer nach OECD-Angaben 253 Milliarden Euro im Jahr für Agrarsubventionen aus - also doppelt so viel wie für Entwicklungshilfe. Schaden wir damit den afrikanischen Ländern denn nicht massiv?

Höfken: Diese Auseinandersetzung wird auch um den Haushalt 2011 geführt. Wir lehnen die Strategie der Bundesregierung ab, Agrarexporte aus öffentlichen Mitteln zu fördern. Für uns ist das Dumping.

Lehmer: Seit die Union an der Regierung beteiligt ist, hat Deutschland in kein Land Agrarprodukte exportiert, wo diese die dortigen Kleinbauern benachteiligt hätten. Wir haben das immer wieder überprüft. Aber Lebensmittel in Länder wie China oder Indien zu liefern, ist schließlich legitim. Im Übrigen: Exportförderung ist inzwischen eine Minimalgröße im Haushalt.

Höfken: Da muss ich widersprechen: Die direkte Förderung für Exporte mag heute minimal sein, aber auch indirekte Hilfen an hiesige Landwirte verzerren den Markt. Deshalb sind die Agrarsubventionen der Europäischen Union bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation immer ein ganz harter Punkt. Im Endeffekt ist die letzte WTO-Runde an dieser Frage gescheitert. Und als größtes EU-Mitgliedsland hat Deutschland auch durchaus eine Verantwortung für die europäischen Subventionen für die Landwirtschaft.

Lehmer: Da stimme ich Ihnen zu.

Höfken: Im nächsten Bundeshaushalt sind 400.000 Euro eingeplant für die Ausrichtung einer "Weltschweinekonferenz". Mit diesem Geld wird also versucht, die Überproduktion an deutschem Schweinefleisch partout in die Weltmärkte zu drücken. Ich finde, die Summe wäre in Projekten für afrikanische Kleinbauern besser aufgehoben.

Würde es den afrikanischen Ländern denn nützen, wenn Deutschland ihnen mehr Agrarprodukte abkaufen würde?

Höfken: Obst und Gemüse aus Äthiopien zu importieren ist schon ein bisschen anrüchig, wenn ein Land nicht einmal die eigene Bevölkerung ernähren kann. In Deutschland haben wir genug gutes Ackerland, da müssen wir nicht auch noch die Flächen in Drittweltländern ausbeuten. An Kaffee könnten die Afrikaner mehr verdienen, wenn sie das fertige Produkt und nicht den Rohstoff exportieren könnten. Bislang verhindern wir das mit unseren Zöllen.

Lehmer: Wenn die Äthiopier auf kleinen Flächen Kaffee, Blumen, Hülsenfrüchte oder die Droge Kat für den Export anbauen, dann gefährdet das die einheimische Lebensmittelproduktion nicht. Fast vier Fünftel des fruchtbaren Landes werden schließlich nicht genutzt, aber Äthiopien braucht die Exporte, um Devisen einzunehmen.

In den letzten Jahren werden auf fruchtbaren Ackerflächen vermehrt Biokraftstoffe wie Mais, Weizen oder Zucker angebaut, die dann zu Bioethanol oder Biodiesel verarbeitet werden. Führt das weltweit zu mehr Hunger?

Lehmer: Wenn man das Beispiel Brasilien betrachtet, sieht man, dass dort die Erzeugung von Bioethanol nicht auf Kosten der Lebensmittelversorgung der eigenen Bevölkerung geht. Ich unterstütze keinesfalls die Abholzung der Regenwälder in Brasilien, um auf der Fläche Biokraftstoffe anzubauen. Da aber mit der Bevölkerung auch die Nachfrage nach Energie steigen wird, werden Pflanzen als Energieträger wachsende Bedeutung erlangen. Priorität wird aber immer die Erzeugung von Nahrungsmitteln haben.

Höfken: Ich sehe diese Frage differenziert. Was ich ablehne, sind riesige Monokulturflächen, die von Großkonzernen für die Biospriterzeugung genutzt werden. Die lassen ihren Gewinn auch selten in den Entwicklungsländern. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, Biokraftstoffe und Biomasse vor Ort sinnvoll einzusetzen.

Seit der Finanzkrise gelten Agrarrohstoffe als beliebtes Spekulationsobjekt. Die Dürrekatastrophe in Russland in diesem Sommer und die Überschwemmungen in Pakistan haben den Weizenpreis in die Höhe getrieben, obwohl die Ernte weltweit zu den besten der Geschichte zählt. Sollte man das verhindern?

Höfken: Wenn die Weltbevölkerung wächst und die fruchtbaren Flächen abnehmen, wird das ein hochinteressanter Markt. Riesige Flächen werden von Investoren aufgekauft und für Exportprodukte wie Blumen genutzt. Da stellt sich schon die Frage, wie man sogenannte "warenlose" Spekulation und Missbrauch verhindern kann. Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass das so läuft wie im Finanzbereich. Hier geht es um Grundnahrungsmittel und die Existenz von Millionen von Menschen. Deshalb wollen wir uns im Agrarausschuss des Bundestages intensiv mit diesem Thema beschäf- tigen.

Das Interview führten Jan Eisel, Kata Kottra und Knut Teske

Aus Politik und Zeitgeschichte

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