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Jan Eisel
Wenn der Bürger alles stoppt...

TOURISMUS Ausschussmitglieder befassen sich am neuen Berliner Luftdrehkreuz mit Prognosen statt Protesten

In Schönefeld, vor den Toren Berlins, entsteht für rund 3,5 Milliarden Euro das derzeit größte Infrastrukturprojekt im Osten Deutschlands. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Hauptstadt soll durch den Großflughafen Berlin-Brandenburg-International (BBI), der am 3. Juni 2012 seinen Betreib aufnehmen soll, gesichert werden. Anlass für den Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages, einen Termin vor Ort zu machen. "Solche Großprojekte haben immer mit erheblichen Widerständen zu kämpfen", sagte Ausschussvorsitzender Klaus Brähmig (CDU/CSU) mit Blick auf die Diskussion um Stuttgart 21. "15 Jahre wurde geplant, öffentlich ausgelegt, und es wurden Bürger im Planungsverfahren beteiligt." Doch plötzlich könne eine Bürgerinitiative alles aufhalten, kritisierte er. Mit negativen Folgen für die "Wettbewerbsfähigkeit" Deutschlands, ist der Vorsitzende überzeugt.

Natürlich gelte es, "Bedenkenträger" mit einzubinden, aber auf dem Plan des Ortstermins standen statt der kürzlich diskutierten Ausweitung der Start- und Einflugschneisen des Flughafens die Themen Sicherheit und Zukunftsprognosen. Acht Ausschussmitglieder von CDU/CSU, SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen hörten Rainer Schwarz, Sprecher der Geschäftsführung Berliner Flughäfen, Fakten präsentieren. 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze versprach Schwarz. Plus 20.000, die nach der Schließung des Flughafens Tegel in den Berliner Süden verlagert werden. Für dieses Jahr rechnen die Betreiber mit 22 Millionen Passagieren und verzeichnen damit ein stabiles Wachstum seit dem 11. September 2001, der schwersten Krise der Luftfahrtgeschichte. Hinter Frankfurt am Main und München steht Berlin auf Platz drei im Passagieraufkommen. Aber es gebe erheblichen "Nachholbedarf", sagte Schwarz. "37 Prozent unserer Berlingäste reisen mit dem Flugzeug an, 59 Prozent davon kommen aus Deutschland."

Fast alle wollen direkt in die Hauptstadt. Nur 300.000 Fluggäste würden umsteigen und weiter fliegen wollen. Zum Vergleich: In Frankfurt am Main kommen rund 25 Millionen Passagiere pro Jahr direkt an, und weitere 25 Millionen steigen in dem internationalen Drehkreuz um. "Niemand möchte von Schönefeld nach Tegel fahren, um weiterzufliegen", erklärte Schwarz. Mit der Zusage von Air Berlin, vom BBI aus Dubai und New York anzufliegen, sehen sich die Betreiber auf dem richtigen Weg.

Eingeladen war auch Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH: "Berlin zählt zu einer der fünf führenden Kongressstädte weltweit." Die mangelnde interkontinentale Anbindung habe in den vergangenen Jahren jedoch Veranstalter abgeschreckt. "Der neue Transitflughafen ist der letzte große Schritt für Berlin nach vorne." Ob durch die Verlagerung Air Berlins Verkehr von anderen Standorten wie Nürnberg abgezogen werde, konnte Schwarz auf Frage Brähmigs nicht beantworten: "Darüber kann ich nicht spekulieren." Auf die Frage von Kornelia Möller (Die Linke), ob die neu geschaffenen Jobs ordentliche Beschäftigungsverhältnisse bieten, bestätigte Schwarz, dass allein die Flughafenbetreiber mehr als 200 hochqualifizierte Fachkräfte einstellen wollen. Die anderen Branchen würden Arbeitskräfte aller Berufsabschlüsse benötigen. Für die Tourismusexperten interessant war Kiekers Ankündigung, dass die Stadt Berlin in der Zeit der Sanierung des ICC-Kongresszentrums ab 2012 zusammen mit dem Messezentrum einen Ersatz plant, der über die Sanierung des ICC hinaus Bestand haben soll. "Damit die Stadt nicht zwei Jahre ohne Kongresszentrum dasteht."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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