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Haben wir aus der Krise gelernt? JA!Gastkommentar
Olaf Gersemann
Das Glas ist halb voll

Zwei Jahre ist es nun bald her, dass die G-20-Staaten auf ihrem Krisengipfel in Washington umfassende Reformen des Finanzsektors in Aussicht stellten: Eine Kernschmelze des internationalen Finanzsystems, zu der es im Herbst 2008 fast gekommen wäre, sollte nie wieder drohen. Heute muss enttäuscht sein, wer davon ausging, dass binnen Kurzem eine ganz neue Weltwirtschaftsordnung entstehen würde.

Tatsächlich ist das Glas jedoch nicht ganz leer. Es ist eigentlich halb voll. Erstens passiert ja wirklich etwas, die meisten bisher beschlossenen Reformen gehen zumindest in die richtige Richtung. Beim nächsten G-20-Gipfel zum Beispiel, soll das - sicher nicht perfekte - Regelwerk Basel III verabschiedet werden, das den Banken eine bessere Eigenkapitalausstattung vorschreibt. Sicher lässt sich klagen: Das geht alles nicht schnell genug, zudem müsse das Eisen geschmiedet werden, so lange es heiß ist.

Nur übersieht, wer so argumentiert, wie komplex die zu regelnde Materie wird, sobald man die in Schlagzeilen pressbare Oberfläche verlässt. Was passiert, wenn die Politik in solchen Fragen gar zu sehr aufs Tempo drückt, zeigte sich 2002. Damals hat der Washingtoner Kongress nach den Bilanzskandalen um Enron, Worldcom & Co binnen Wochen das unverhältnismäßig drakonische Sarbanes-Oxley-Gesetz durchgewinkt.

Nein, dass die Politik sich Zeit lässt, ist für sich genommen kein Manko. So wie vor 80 Jahren. Damals, nach dem Börsencrash von 1929, reagierte die Politik erst falsch: mit einer viel zu rigiden Finanz- und vor allem Geldpolitik, gefolgt von einer fatalen Spirale des Handelsprotektionismus. Reformen, die das Finanzsystem wirklich sicherer machten, wurden in den USA zum Teil erst zehn Jahre später eingeführt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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