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Patrick Welter
Schuld sind stets die anderen

URSACHEN Marktversagen oder Politikversagen? Dritte Variante: Die Krise war unvermeidlich

Im Sommer 2007 platzte die Preisblase am amerikanischen Hausmarkt und die rasant gewachsenen Geschäfte mit Hauskrediten brachen zusammen. Das war der Beginn der globalen Finanzkrise, die sich im Herbst 2008 zur weltweiten Wirtschaftskrise auswuchs. Auch drei Jahre nach dem Crash streiten Wissenschaftler und Politiker über die Ursachen. Während in Europa die Schuld überwiegend bei den Finanzhäusern gesucht und Marktversagen diagnostiziert wird, wird in den Vereinigten Staaten auch Politikversagen in Betracht gezogen. Viele Ökonomen erklären die Krise mit einem Zusammenspiel mehrerer Gründe. Im Folgenden sind die wichtigsten Erklärungsversuche zusammengestellt.

Psychologische Erklärung

Im ersten Entsetzen wurde die Finanzkrise oft mit der Gier skrupelloser Banker begründet, die aus Gewinnsucht zu hohe Risiken eingegangen seien. Politiker lenken die Schuld so auf die Finanzmärkte und von eigenem Versagen ab. Dem Erklärungsversuch fehlt indes ein wichtiger Baustein. Charakterzüge wie die Gier sind Menschen immanent und ändern sich nicht von heute auf morgen. Bislang aber hat niemand erklären können, warum die Gier auf einmal so groß geworden sein soll, dass sie eine Krise auslöste.

Politische Erklärung

Unter den Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush verpflichtete die amerikanische Regierung Banken und die staatsnahen Hauskreditfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac immer stärker, Hypotheken an Minderheiten zu vergeben. Die Regierung wünschte mehr Hausbesitzer gerade unter Geringverdienern. Die Bedingungen für Eigenheimkredite wurden aufgeweicht, Geld gab es im Extremfall ohne finanziellen Eigenbeitrag oder Vermögen. Als Sicherheit diente den Kreditgebern der als steigend angenommene Hauswert. Typischerweise wurden diese Hypotheken niedriger Qualität (subprime) nach zwei oder drei Jahren zum dann höheren Hauspreis umgeschuldet, zum Vorteil der Kreditgeber und -nehmer. Dieses Modell lief solange gut, wie die Hauspreise stiegen. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten die staatsnahen, aber privaten Hausfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, deren Verfilzung mit dem politischen Establishment legendär ist. Die lukrativen Gesellschaften unterlagen implizit einer Staatsgarantie und genossen gegenüber der privaten Konkurrenz gesetzlich fixierte finanzielle Vorteile. Versuche von Bush, Fannie Mae und Freddie Mac solche Vorteile zu nehmen, scheiterten an der Lobbyarbeit der Hausfinanzierer. In den Jahren 2003 und 2004 finanzierten Fannie Mae und Freddie Mac rund 40 Prozent der neuen Subprime-Kredite. Ein Großteil der Kreditblase gründet damit nicht in Marktversagen, sondern in politischen Vorgaben.

Finanztechnische Erklärung

In den Jahren vor der Krise hatten Banken und Finanzhäuser ein neues Geschäft entdeckt. Hauskredite wurden aggressiv vergeben, in Paketen zu Wertpapieren gebündelt, in Tranchen mit unterschiedlichen Risiken zerlegt und dann an Investoren verkauft. Dieses Geschäftsmodell des "Originate and distribute", der Kreditvergabe und Verteilung des Risikos, verschleierte, wer die Risiken letztlich trug. Auch die Finanzaufseher waren hilflos. Zwischen Hauskreditnehmern und Anlegern war eine Kette von Finanzvehikeln gespannt, so dass die Investoren den Wert ihrer Anlage nicht mehr gut einschätzen konnten. In der Not vertrauten sie den Rating-Agenturen, die nicht viel klüger waren. Ökonomen begründen mit dieser mangelhaften Information, warum die Unsicherheit in der Krise so abrupt in die Höhe schoss, warum Banken sich plötzlich misstrauten und Geldmärkte austrockneten.

Geldpolitische Erklärung

Aus Sorge vor einer möglichen Deflation hatte die Zentralbank Federal Reserve den Leitzins Anfang des vergangenen Jahrzehnts deutlich gesenkt. Von 2003 bis 2004 lag er bei nur einem Prozent. Ökonomen wie John Taylor oder William White halten dies für den wichtigsten Grund für die Krise. Die Fed habe mit ihrer zu lange zu lockeren Geldpolitik die Preisblase am Hausmarkt aufgepumpt. Der ehemalige Vorsitzende der Fed, Alan Greenspan, und sein Nachfolger, Ben Bernanke, wehren sich dagegen. Die Geldpolitik habe höchstens einen geringen Einfluss auf die Hauspreisblase gehabt.

Weltwirtschaftliche Erklärung

Greenspan begründet die Hauspreisblase mit der Ausweitung der Weltwirtschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Integration asiatischer Länder und der ehemaligen Ostblockstaaten in den globalen Markt führte zu rapidem Einkommenswachstum in den Schwellenländern. Dem wachsenden Sparangebot standen nicht genügend Investitionen gegen. Der Sparüberhang drückte den langfristigen Zinssatz, das ließ die Hausmärkte in den USA und anderswo boomen. Greenspan erklärt ergänzend, dass nach zwanzig guten Jahren mit nur kleineren Wirtschaftskrisen die Vorsicht von Anlegern, Banken, Rating-Agenturen, Geldpolitikern und Finanzaufsehern geschwunden sei. In der allgemeinen Euphorie seien Risiken unterschätzt worden. Die Risikoprämien an den Finanzmärkten sanken in den Jahren vor der Krise und die Renditeabstände zwischen guten und riskanten Anlagen schmolzen dahin. Auf der Suche nach höheren Renditen entdeckten auch internationale Anleger den amerikanischen Hauskreditmarkt, was die Krise schnell verbreitete. Warnungen von Aufsehern und Zentralbanken wurden überhört. Nach dieser Erklärung von Greenspan war die Krise letztlich unvermeidlich.

Der Autor ist Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Washington.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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