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Robert von Heusinger
Welche Frau finden die anderen schön?

STANDPUNKT Warum die Währungsunion ohne eine Vertiefung am Ende ist und eine Verschärfung des europäischen Stabilitätspaktes wenig bringt

Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf den Euro werfen. Auf das Kurs-Chart. Warum? Weil am Devisenmarkt täglich etwa 1.100 Milliarden Dollar in Euro getauscht werden und wieder zurück in Dollar. 1.100 Milliarden Dollar täglich! Da ist Kraft dahinter. Eine Billionen Dollar entspricht knapp einem Drittel der deutschen Wirtschaftskraft - im Jahr. Das Währungspärchen Euro/Dollar ist die mit Abstand am meisten gehandelte Anlageklasse der Welt. Man könnte statt Anlageklasse auch Spekulationsobjekt sagen. Diese Währungsrelation ist zurzeit im globalen Kapitalismus der wichtigste Preis. Sie bestimmt über den Wert der wichtigsten Handelsströme, sie entscheidet, wo Profite, wo Verluste entstehen.

Deshalb: Schauen wir auf das Chart (siehe Grafik). Irgendetwas werden sich die Händler schon denken, wenn sie Euro verkaufen und Dollar kaufen. Als Zeitraum wählen wir ein Jahr aus, von Oktober bis Oktober. Wir sehen eine Kurve, die bei knapp 1,50 Dollar je Euro beginnt und sich im Dezember, als die ersten Herabstufungen Griechenlands die Runde machen, steil nach unten krümmt. Noch steiler wird sie im April und Mai während die Euro-Krise lodert. Sie erreicht ihren Tiefpunkt am 7. Juni. Damals kostete ein Euro "nur" noch 1,19 Dollar. Seither geht es ähnlich steil wieder bergauf. Im September lag der Euro bei 1,30 Dollar, Mitte Oktober war er knapp 1,40 Dollar wert. Warum? Weil die Euro-Krise vorüber ist? Weil jetzt die Dollar-Krise anfängt? Weil die Chinesen auf den Euro setzen?

Unattraktiver Dollar

Warum der Euro wieder steigt, ist rational nicht zu erklären. Klar ist nur, dass die Euro-Krise keineswegs ausgestanden ist. Das verrät schon der immer weiter steigende Risikoaufschlag etwa auf irische Staatstitel. Klar ist aber auch, dass es um den Zustand der größten Volkswirtschaft der Welt nicht gut bestellt ist, weshalb die US-Notenbank noch heftiger versucht, Inflation zu provozieren. Das macht den Dollar nicht gerade attraktiver. Und klar ist drittens, dass die Chinesen am internationalen Devisenmarkt immer wichtiger werden. Sie verwalten nicht nur den größten Devisenschatz. Sie waren es auch, die den Verfall des Euro-Kurses Ende Mai stoppten. Am 27. Mai machte die Währungsbehörde unmissverständlich klar, dass sie dem Euro weiter vertraue. Wenige Tage danach drehte der Euro-Kurs. Die Spekulationsattacke war abgewehrt. Dank der Chinesen.

Damit stehen wir vor einer wichtigen Frage: Was treibt eigentlich Wechselkurse? Und wo liegt der fundamental gerechtfertigte Wert des Euro/Dollar-Pärchens? Volkswirte, die die Währungen auf ihre Kaufkraft hin untersuchen, kommen schon seit zehn Jahren zu dem Schluss, dass der faire Wert des Euro zwischen 1,10 und 1,20 Dollar liegt. Sie messen, wie viele Güter man in den USA mit einem Dollar kaufen kann und wie viele Güter man in Euroland mit einem Euro kaufen kann. Aber es ist ja nicht die Realwirtschaft, sondern es sind die Spekulanten, die die Kurse auf dem Devisenmarkt bestimmen. Und das Problem bei Wechselkursen: Sie haben keinen Anker. Deshalb kann man den Schönheitswettbewerb nirgendwo besser beobachten als am Devisenmarkt. Schönheitswettbewerb? So veranschaulichte der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts das Entstehen von Spekulationsblasen. John Maynard Keynes erklärte, dass die Investoren dann erfolgreich sind, wenn sie vorhersagen können, wie die Mehrheit der Investoren handeln wird. Derjenige gewinnt den Wettbewerb, der auf das Frauengesicht setzt, auf das die meisten tippen. Das Kalkül lautet deshalb nicht: Welche Frau finde ich am schönsten? Sondern: Von welcher Frau glaube ich, dass die meisten Mitspieler glauben, sie würde von den meisten Mitspielern als die Favoritin ausgewählt? So ist es auch am Devisenmarkt. Es sind Erwartungen über Erwartungen, die die Kurse treiben. Kurzum: Es ist Irrationalität pur, man kann es auch Herdentrieb nennen.

Die Macht der Spekulanten

Dieser Irrationalität Herr zu werden, das stand einmal am Beginn der europäischen Währungsunion. Seit die USA das Festwechselkurssystem Bretton Woods Anfang der 70er Jahre aufkündigten, weil sie nicht bereit waren, sich an seine Spielregeln zu halten, herrscht am Devisenmarkt die große Währungsunordnung, übernahmen Spekulanten die Macht. Das hat die Krisenanfälligkeit des globalen Kapitalismus Jahrzehnt für Jahrzehnt erhöht. Die hektischen Auf- und Abwertungen von Lira, Franc und D-Mark machten den Europäern rasch klar, dass ihr Wirtschaftsraum, soll er zusammenwachsen, festere Wechselkurse braucht. Mit einer Währungsunion, die die härteste Form fester Wechselkurse ist, macht man der Devisenspekulation den Garaus.

Und noch etwas anderes schwang bei der Schaffung des Euro mit. Der Euro sollte einen gewissen Schutz vor der Ausbeutung durch die Weltleitwährung gewähren. In keinem Satz kommt die Nonchalance der Weltwährung besser zum Ausdruck als in dem des US-Finanzministers John Connally aus den 70er Jahren: "Der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem." Auch damals lebten die Amerikaner über ihre Verhältnisse und finanzierten den Vietnamkrieg mit Geld, das ihnen vornehmlich die Europäer liehen. Aber den Wechselkurs von 4,20 D-Mark je Dollar sahen die Europäer nie wieder, weil die Amerikaner die Welt mit Dollar fluteten. Je größer der Wirtschaftsraum, den eine Währung repräsentiert, je liquider die dortigen Finanzmärkte, desto eher bietet sich eine Währung als Alternative zur Leitwährung an, desto geringer wird der Spielraum der Leitwährung, die anderen Länder auszubeuten. Gerade deswegen war der Euro vielen US-Politikern ein Dorn im Auge. Er ist ein Machtinstrument par excellence.

Mit dem Euro hatten die Politiker des alten Kontinents auf das richtige Pferd gesetzt. Sie hatten die große Chance, die Spekulation außen vor zu lassen sowie die Globalisierung dank der Weltwährung Nummer zwei entscheidend mitzubestimmen. Doch was taten unsere Politiker? Sie haben das Machtinstrument Euro nicht erkannt, nicht erkennen wollen. Statt international mit einer Stimme zu sprechen, wie es die EU bei den Welthandelsgesprächen tut, verweigerten die Euro-Staaten der Europäischen Zentralbank den Alleinvertretungsanspruch etwa beim Internationalen Währungsfonds. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederholte im NRW-Wahlkampf das Undenkbare so lange, bis es selbst die Spekulanten geglaubt haben: Nämlich dass Mitgliedstaaten des Euro pleitegehen können. Damit kam die Spekulation auf dem Umweg über die Insolvenzwahrscheinlichkeit der Staaten wieder zurück nach Euroland. Plötzlich wackelten die Anleihen jener Länder, die früher bei den Spekulanten beliebte Abwertungskandidaten waren. Plötzlich wurde den internationalen Anlegern klar, dass es einen einheitlichen, einen tiefen und liquiden Währungsraum, der eine Alternative zum Dollar sein könnte, in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sondern es gibt 16 einzelne kleine Währungsräume: Zwar mit einer Währung, aber 16 unterschiedlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten, auf die sich spekulieren lässt.

In der neuen Wirtschaftswelt 2025 mit Großmächten wie China, Indien, Brasilien und eventuell Russland wird der alte Kontinent mit seinen kleinen Bonitätsräumen keine Rolle mehr spielen. Es sei denn, die Regierenden Eurolands begreifen, was auf dem Spiel steht. Wollen sie die Spekulation außen vor lassen und wie bislang im Konzert der Mächtigen mitspielen, dann müssen sie die Währungsunion vertiefen und nicht den Stabilitätspakt verschärfen (siehe Seite 12). Warum eine Verschärfung des Stabilitätspaktes wenig helfen wird? Weil das Starren auf die Staatsverschuldung zu kurz greift. Spanien und Irland galten bis zum Ausbruch der Finanzkrise als Musterschüler Eurolands. Beide Länder haben in den ersten neun Jahren des Euro nicht einmal bei der Neuverschuldung an der berühmten Drei-Prozent-Marke gekratzt. Ja, beide Länder haben sogar ihre Staatsverschuldung massiv verringert. Dann kam die Krise und plötzlich wackelten beide Länder. Denn die private Verschuldung war aus dem Ruder gelaufen. In Spanien hatten es die Immobilienbesitzer übertrieben, in Irland die Banker. Der Staat musste retten und private Schulden in öffentliche wandeln, um den Systemkollaps zu verhindern. Auch ein noch so verschärfter Stabilitätspakt hätte daran nichts geändert.

Gemeinsame Haftung

Und wie vertieft man die Währungsunion? Da muss man Vorschlägen lauschen, die vor allem aus Frankreich kommen, in Deutschland aber regelmäßig abgeschmettert werden. Die Währungsunion müsse durch eine Wirtschaftsregierung komplettiert werden, fordern französische Vordenker. Sicher ist, dass nur mit der gemeinsamen Haftung für die Staatsschulden, zumindest für das Gros der Staatsschulden, der Euro-Raum groß und attraktiv genug wird, um auch noch in 25 Jahren in einem Atemzug mit dem Dollar genannt zu werden.

Doch da die deutsche Regierung lieber der Insolvenz von Euro-Staaten das Wort redet, wird der Euro nur noch ein paar Jahre als chinesisches Protektorat überleben. Die Chinesen wissen, dass sie zurzeit nur eine Chance haben, der Ausbeutung der Amerikaner über Inflation etwas entgegenzusetzen: Einen halbwegs glaubhaften und stabilen Euro. Solange das so ist, werden sie Euro-Anleihen kaufen und stützen. Solange das so ist, werden sie Griechenland, Irland und Co helfen. Bis China selbst soweit ist mit dem Yuan die Alternative zum Dollar zu bieten.

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur der DuMont-Redaktionsgemeinschaft.

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